Vereinsräume und Sportvereine als Teil rechter Strukturen

Sport lebt oftmals von Kameradschaft, Pathos, Konkurrenzkampf und Identifikation mit einem Ort oder Farben. Idealer Nährboden auch für Neonazis. Dabei beschränkt sich deren Engagement nicht nur auf die Fankurven beim Fußball. Gerade in den eher dörflichen Gebieten und Kleinstädten drängen Neonazis in die Vereinsstrukturen. Dort wollen sie Akzeptanz für ihre Positionen gewinnen oder zumindest Empathie erhalten, wenn sie sich um den lokalen Sportverein liebevoll und aufopferungsvoll kümmern. Gleichzeitig geht es ihnen auch um die gesamte Struktur, auch Räumlichkeiten. Seit einigen Jahren ist es dies bezüglich stiller geworden. Sportverbände, gerade in Ostdeutschland arbeiten eng mit Sicherheitsbehörden, Mobilen Beratungsstellen und Zivilgesellschaft zusammen. Doch dies war ein langer schwerer Schritt.

Sport als Teil der neonazistischen Infrastruktur

Neonazis in Velten protestieren mit einem simulierten Fußballspiel © Sören Kohlhuber

Velbert Anfang der 2010er Jahre. Der ehemalige Judo-Nationalkämpfer Sebastian Simka engagierte sich im lokalen Verein, wurde 2. Vorsitzender. Neben den sportlichen Aktivitäten war er Mitglied mehrerer Rechtsrockbands und nutzte daher seine Sportvereinskontakte auch für rechte Konzerte u.a. im Luftsportverein. Einer der wenigen bundesweit bekannten Fälle. In anderen Orten scheiterten Neonazis mit ihren Aktivitäten aufgrund der Wachsamkeit der Sicherheitsbehörden. So verhinderte der brandenburgische Verfassungsschutz ein Fußballturnier der JN Oberhavel im Jahr 2012, in dem er den Veltener Rugby-Club informierte, nachdem die Neonazis versuchten den Platz anzumieten. Aus Protest veranstalteten die Neonazis eine Kundgebung vor dem Rathaus. Dabei spielten sie in einheitlichen T-Shirts Fußball mit dem Endergebnis „14 Tore für die BRD, 88 für die volkstreue Jugend.“ Inzwischen hat die JN Oranienburg sich mit einem Drachenboot-Verein neu organisiert. Rechtsrockkonzerte und Fußballturniere sollen dabei Strukturen stärken, richten sich primär nach innen in die Szene und der Gruppe. Sie sind wichtig für das geschlossene Auftreten nach außen und ein zentraler Moment für Vernetzungen und ein Einbinden Einzelner in Strukturen.

Vom gemeinsamen Training zum gemeinsamen Angriff

Foto von Kampfsportlern des IFT (2.v.L. Robert F., Tatverdächtiger in Bezug auf Gewalttat auf Mallorca, oben Mitte Nils H., mutmaßlich Mitglied bei extrem Rechter „808-Gang“) © Inventati – Antifa Leipzig

Auch Kampfsportvereine werden gezielt von Neonazis angesteuert oder ggf. gegründet. Auch wenn es ihnen vorrangig um die individuelle Kampfausbildung für die Straße und der Durchsetzung ihrer politischen Ziele geht, so muss davon ausgegangen werden, dass dort auch Netzwerke und Aktionsgruppen gebildet werden, aus denen heraus politische Aktivität, wie Gewalttaten heraus entstehen. Prominenteste Beispiel in Deutschland dürfte der Verein „Imperium Fight Team Leipzig“ (IFT) sein. Seit 2017 haben die Neonazis um den neugewählten Wurzener Stadtrat Benjamin Brinsa eine Immobilie in Leipzig und nutzen sie nicht nur fürs Training. So sind einige Rechtsrock-Konzerte, aber auch vermeintlich unpolitische Partyveranstaltungen dokumentiert. Das pikante an diesem Ort: Zwischen 1944 und 1945 stand hier das größten Frauenaußenlanger des KZ Buchenwald.

Wozu das Training in der Kamenzer Straße taugt bewiesen zwei Neonazis in diesem Sommer in Palma de Mallorca. Johannes H. (21) war gemeinsam mit Hooligans des 1.FC Lokomotive Leipzig auf Sauftour im „Megapark“. Dort griff er gemeinsam mit Robert F. (20) einen senegalesischen Sicherheitsmitarbeiter an und verletzten ihn schwer. Von mindestens einem der beiden gibt es Gruppenfotos aus dem Neonazi-Gym. Andere Neonazis, die ebenfalls bei ITF trainieren, waren laut antifaschistischer Recherche an mehreren Angriffen gegen Linke aus Gruppen heraus zu beteiligt. Sowohl in Leipzig-Connewitz am 10.01.2016, wie auch erst zuletzt beim Angriff auf die Räumlichkeiten des „Netzwerk demokratischer Kultur“ in Wurzen, im Nachgang eines Fußballspiels von ATSV Frisch auf Wurzen gegen Roter Stern Leipzig, sollen Neonazis beteiligt gewesen sein, die bei ITF trainieren.

Türkischer Faschismus – offen und ungestoppt

Gemütlicher Plausch zwischen Badischer Fußballverband und Turanspor Mannheim. Im Hintergrund extrem rechte türkische Fahnen © Screenshot Turanspor-Webseite

Während es deutsche Neonazis schwer haben Vereine zu gründen, zu infiltrieren und deren Vereinsheime zu nutzen, läuft dieses bei nicht-deutschen extrem Rechten einfacher und offener ab. Die in Deutschland relevanteste extrem rechte Struktur aus dem Ausland dürfte das Netzwerk der „Idealisten“ aus der Türkei sein, die meist mit dem Begriff der „Grauen Wölfe“ bezeichnet werden. Über den Dachverband „Türk Federasyon“ („Türkische Förderation“, Kürzel ADÜTDF) sind laut aktuellen Zahlen etwa 18.000 extrem Rechte Türken in Deutschland organisiert. In vielen westdeutschen Städten haben sie eigene Vereinsräumlichkeiten, die zeitgleich auch die Räumlichkeiten von Fußballvereinen darstellen.

Die Vereinsräume sind für die türkischen Fußballvereine nicht bloße Postadressen, sondern sie nutzen diese auch für Vereinsaktivitäten. So lud der 1.FC Turanspor Mannheim im November 2014 den Badischen Fußballverband zum Vereinsdialog ausgerechnet in das „Türkische Kulturzentrum“, deren Logo in sozialen Medien ein weißer heulender Wolf auf blauem Grund, über dem Halbmond ist. Im Hintergrund des Fußball-Meetings sind etliche Fahnen mit den Symboliken der türkischen Faschisten zu sehen, darunter die Fahne mit den drei Mondsicheln und die der ADÜTDF. Letztere wird u.a. vom Verfassungsschutz observiert, auch wenn sie augenscheinlich keine Straftaten begeht. Doch in denselben Räumen, in denen u.a. Fußballer wie der AC Milan-Star Hakan Calanoglu ausgebildet und sozialisiert wurden, finden nicht nur Fußball-Treffen statt. Regelmäßig sind Musiker aus der Türkei Gäste. Beim Verein Turanspor Rheydt lud man ebenfalls entsprechende Musiker mit ein. Diese besingen oftmals das halluzinierte Reich „Turan“, liefern in der Kurden-Thematik den Anfangsverdacht der Volksverhetzung und ergeifern sich in antisemitischen Bildern. Oftmals auch unterstützt, beworben und mitorganisiert von den Fußballvereinen, der gemeinsam mit dem „Türkischen Kulturzentrum“, dem Treffpunkt der türkischen Rechten Mannheim, in kommunalen Turnhallen auch Fußballturniere veranstalten kann.

Für Fußballverbände und die Öffentlichkeit stellen diese Vereine und ihre Strukturen keine Problematik dar. Im Gegenteil. So öffnet das falsche Verständnis von Integration den ausländischen extrem Rechten sogar die Tür und sie können Sport und Politik in Vereinsräumlichkeiten verbinden. Ein Aufschrei, wie es zurecht bei deutschen extrem Rechten gibt und gab, bleibt hier allerdings aus. Ferner werden sie, wie der BSV Hürtürkel, aus dessen Vereinsraum heraus eine kurdische Demonstration angegriffen wurde und mehrere Vereinsmitglieder in Gewahrsam genommen wurden, sogar vom Berliner Fußballverand für ihre Integrationsarbeit finanziell belohnt.

Deutsche Hools und die Transformation

Faschistischer Körperkult geparrt mit Hooliganismus wird im modernen Kampfsport verbunden © Sören Kohlhuber

Im deutschen Fußball sieht dies anders aus. HoGeSa organisierte sich via Facebook. Organisierte Fußballfans treffen sich in der Kurve oder Stammkneipen. Dort finden Absprachen statt. Als Veranstaltungsort werden diese selten benutzt. In der Transformation des rechten Hooliganismus in Deutschland ergibt die Überschneidung mit dem Kampfsportmilieu die Option Gyms und entsprechende Kampfsportevents zur Agitation und zum Herausbilden von Netzwerken zu nutzen. Dass Fußballvereine und deren Heime genutzt werden, ist aus den 1990er und 2000er Jahren bekannt, inzwischen ist der Fußball nur noch eine Begleiterscheinung. Es geht von der Straße ins Boxstudio. Das politische Weltbild verbindet, ob mit oder ohne Fußballhintergrund.

In einigen Fankurven gibt es noch Kämpfe, doch meist haben rechte Hooligans ihre Räumlichkeiten bis auf wenige Kneipen verloren. Das Kampfsportsegment dagegen öffnet ihnen neue Optionen. Antifaschistische Recherchenetzwerke beobachten diese bereits und auch Sportverbände reagieren, wie beim „Kickboxteam Cottbus“ und schließen diese zumindest aus. Doch auch hier haben die Organisatoren des „Kampf der Nibelungen“ und „Tiwaz“ zumindest regelmäßig stattfindende Alternativen geschaffen. Dort können sich Vereine und Städte präsentieren und somit neue Mitglieder rekrutieren, sowie durch gewonnene Kämpfe nach innen Stärke aufzeigen. Galt im früheren Hooliganismus der Ruf eines Fußballvereins bzw. der Hooligan-Gruppe, so sind es heute Kampfsportnetzwerke, Vereine und Kampfsportler. Den Sportverbänden sind die Hände gebunden. Behörden, antifaschistische Netzwerke dagegen können hier noch intervenieren und den gewaltbereiten Neonazis so vielleicht Räume nehmen und somit den Ausbau der Strukturen aufhalten oder zumindest behindern.

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Der Artikel sollte ursprünglich in der aktuellen Ausgabe von „Der Rechte Rand“ veröffentlicht werden. Die Redaktion entschied allerdings, dass er inhaltlich nicht passt, baute dann diesen komplett um und veränderte damit leider die gesamte Ausgabe. Da ich den Artikel dennoch gut finde, veröffentliche ich ihn hiermit auf meinem Blog. Kauft Euch dennoch die aktuelle Ausgabe des DRR mit dem Schwerpunkt Thema „Rechte Immobilien“ oder schließt einfach gleich mal ein Abo ab.

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