Der kurze Rechtsruck bei Tennis Borussia Berlin

Die neue Saison in der Oberliga Nordost Nord ist gestartet. Einer der Favoriten auf die Meisterschaft ist Tennis Borussia Berlin, auch wenn man sich sportlich wohl eher verschlechtert, als verbessert hat. Doch Fußball ist nicht nur das Gekicke auf dem Rasen. Fußballvereine jenseits der GmbHs und AGs im Profibereich haben eine gesellschaftliche Verantwortung. Sie sollen demokratische Werte vermitteln, dienen als Mittel der Integration und Förderung des interkulturellen Miteinander. So zumindest im Idealbild. Auch bei Tennis Borussia Berlin war dies dank einer aktiven Fanszene lange Jahre nicht anders. Nach einem halbjährigen Boykott kehrt die Fanszene wieder zurück ins Stadion und will eine Restauration der Ära Redlich – auch im politischen Sinne.

Neben der grundsätzlichen Demokratieproblematik mit dem Vereinsvorstand, insbesondere dem Vorsitzenden Jens Redlich aka „JR Crunchfit“ und dem Kampf gegen die Abhängigkeit von einem Sponsor sowie der daraus resultierenden drohenden dritten Insolvenz, sollte dieser wegbrechen, war es mittlerweile auch ein politischer Kampf, bei dem der rechte Vereinsboss den Verein umkrempelt und auch für extrem rechte Positionen und Personen öffnete. Der folgende Artikel zeigt wie schnell aus einem Verein mit links-alternativen Image ein Hort für Rechte werden kann.

Der Kampf gegen Homophobie

Der Kampf gegen Homophobie gehört zum innersten Bestandteil des Vereins © Sören Kohlhuber

Im Juni 2011 präsentierten Fans von Tennis Borussia Berlin eine Kampagne. Auf einem breiten Lila Banner mit einem diagonalen Regenbogen küssten sich zwei Fußballspieler und in großen Buchstaben stand die Losung: „Fußballfans gegen Homophobie“. Immer wieder werden Fans von TeBe mit homophoben Liedern besungen. Sie selber drehten den Spieß um. Sie sorgten dafür, dass in ihren Reihen sich mehrere Personen outen konnten und gemeinsam mit Heten gegen homophobe Arschlöcher im Stadion standen. Der Kampf gegen Homophobie und gegen Sexismus war zu einem identitätsstiftenden Teil der Fanszene geworden.

Auch aus diesem Grund entschieden im Dezember 2016 fast 90 % der Mitglieder auf der jährlichen Mitgliederversammlung, dass im Hintergrund des Fanblocks eine Regenbogenfahne am Mast hängen soll, auf der das Vereinslogo angebracht ist. Nur knapp ein Vierteljahr nach diesem Beschluss und zwei Wochen nach der Machtergreifung des „JR Crunchfit“, hob der Vereinsvorstand die MV-Entscheidung auf. Hier startete nicht nur der Bruch zwischen Verein und Fanszene, sondern es wurde aktiv gegen die politische Ausrichtung der Fanszene und des Vereins agiert. JR begründete dies mit einem fabulierten Neutralitätsgebot und meinte, die Fahne würde Menschen ausschließen.

Kurz vor Saisonende wurde die Fahne gehisst. Die Ordner, welche jahrelang aus der Fanszene stammten und dafür sorgten, dass u.a. das Hausrecht gegen Neonazis durchgesetzt wurde (was zu Unmut bei Fans vom TSV Rudow 1888 führte) gingen nicht gegen die Fans vor. Sie unterstützten damit passiv das Mitgliedervotum und die Fanszene. Die Folge war eine Ablösung der vereinseigenen Ordner durch einen externen Ordnerdienst. Auch im letzten Saisonspiel wurde die Fahne durch die Fanszene gehisst. Die Fans mussten einen menschlichen Kreis um den Fahnenmast bilden, damit die neuen externen Ordner nicht an die Fahne gelangen. Mit Kevin Kühnert folgte aus Protest nun der erste Rücktritt eines Vereinsfunktionärs aus der Fanszene. Auch der Berliner Fußballverband zeigte sich irritiert. In Folge des medialen Druckes musste Despot „JR Crunchfit“ nachgeben. Die Fanordner haben indes größtenteils dem Verein den Rücken gekehrt.


Rechte Anhänger machen sich breit

Die Interessen des neuen Zeugwartes sind nicht vereinbar mit Tennis Borussia Berlin © Screenshot Facebook

Die neue Saison begann mit einem weiteren Paukenschlag. Auf der Trainerbank saß als Zeugwart nicht mehr Steven Scholz, der ein Bindeglied zur Fanszene war und ist, sondern Kurt Sammüller. Dieser präsentiert sich in den sozialen Medien u.a. als Anhänger extrem rechter Positionen. So befinden sich in seiner Facebook-Likeliste u.a. die AfD und andere extrem rechte Seiten. Ebenfalls nicht verwunderlich, dass in seiner Freundesliste neben sportlich bekannten Gesichtern des Berliner Fußballs auch ein rechte Alt-Hool Hertha BSC zu finden ist, der mit einem T-Shirt der einschlägig bekannten Hooligangruppe „Wannseefront 83“ posiert.

Die Fanszene intervenierte beim Verein. Dieser gab an, sich bis zur Winterpause zu entscheiden. Doch der Verein spielte offenbar auf Zeit. Auch sichtbar protestierte die Fanszene mit einer neuen Zaunfahne „FCK AFD“ gegen den Einzug von AfD-Anhängern in ihren Verein. Sammüller reagierte ebenfalls und provozierte mehrfach die Fanszene im Stadion mit entsprechenden Gestiken. Der Verein brauchte länger als erwartet und notwendig, um Sammüller wieder abzusetzen. Er ist nun nur noch ein Troll auf der Facebook-Seite des Vereins, wenn er gegen die aktive Fanszene pöbelt oder JR support benötigt.

Der neue Stadionsprecher mit „neurechtem“ Post und Verlinkung der Epochtimes © Screenshot Facebook

Mit Beginn des Boykotts ging auch der Stadionsprecher aus Protest gegen die Vereinsführung. Er suchte die passende Musik aus, welche das Punkrock-Image des alternativen Vereins musikalisch untermauerte. Als Ersatz präsentierte der Verein „Marcus Aurelius“, DJ und Stadionsprecher aus dem brandenburgischen Teltow. Auf Facebook betrauerte der Aushilfs-Ballermann-DJ, dass zur letzten Bundestagswahl nur 13 % der Menschen die AfD wählten und verbreitete rechte Inhalte u.a. durch die Verlinkung der „Epochtimes“, welche als „Leitmedium der rechten Populisten“ gilt. Wie Aurelius an den Job gelangte ist unbekannt.

Und er war nicht der einzige Rechte, der nach dem Boykott nun seinen Platz im Verein gefunden hat. So wurde nun auch der Ordnerdienst durch Fans unter die Lupe genommen. Mindestens einer der Ordner fiel durch eine „Erik & Sons“-Gürteltasche auf. Darauf angesprochen versteckte er seine Tasche. In den darauffolgenden Spielen wurde er weiterhin eingesetzt, trug allerdings nun eine andere Bauchtasche. In Anbetracht dessen, dass „Erik & Sons“ in der Stadionordnung untersagt ist, ist die Entwicklung, dass selbst die Ordner nun Neonazimarken trugen mehr als besorgniserregend. Eine Prüfung durch den Verein, was für Menschen inzwischen angestellt werden, fand offenbar nicht mehr statt. Die Tür wird geöffnet und der braune Mist kommt reingerauscht.

Der Fisch stinkt vom Kopfe her

Doch verwunderlich war diese Rechtsentwicklung mitnichten, betrachtet man die regelmäßigen Wortmeldungen von Vereinsvorsitzenden Jens Redlich. Als beim Jugendpokalfinale im Mai 2018 Staaken-Fans sich mit rassistischen und homophoben Äußerungen sowie dem Zeigen des Hitlergrußes bemerkbar machten, kam es zu kleineren Auseinandersetzungen mit Fans, die TeBe zugeschrieben werden. Am Folgetag distanzierte sich „JR Crunchfit“ von den „Brutalos beider Vereine“. Ein halbes Jahr später folgte der nächste Eklat. Fans von Blau-Weiß 90 sangen ebenfalls rassistische und Homophobe Fanlieder, am Ende bauten sie sogar die wohl bekannteste U-Bahn deutscher Fußballstadien. Statt die eigene Vereinsphilosophie und somit intervenierenden Fans zu verteidigen, gab Redlich bei der Pressekonferenz an, dass beide Fanlager sich im Verhalten nichts genommen hätten. Erst Tage später folgte eine Verurteilung der Blau-Weiß 90-Gesänge durch den auf der TeBe-Homepage. Dennoch galt sein Augenmerk als erstes nicht der Verurteilung von rechtem Gedankengut, sondern der Gleichsetzung der rechten Gesänge mit z.B. antifaschistischen Engagement.

Wenn die geistige Nähe und das gemeinsame Feindbild offensichtlich wird © Screenshots Twitter und Facebook

Jens Redlich versucht sich als unpolitisch darzustellen und doch kommen immer wieder Töne heraus, die aus der Ecke der sog. „Neuen Rechten“ bekannt sind. So teilte er im Juli 2019 ein Meme, welche er als „nackte Wahrheit“ seiner Facebook-Gemeinde verkaufte. In diesem Meme wird eine weibliche Person dargestellt, die einen Mann niederbrüllt. Die Frau soll die „linke Meinung“ darstellen. Das gleiche Meme teilte bereits der ehemalige AfD-Rechtsaußen, Andre Poggenburg im Jahr 2018. Es dauerte eine Weile, doch nun kam es offenbar auch bei Jens Redlich an, dem unterstellt werden muss, dass er es bewusst als Position gegen die Fanszene versteht. Das Meme ist auch im gesellschaftlichen Diskurs zu verstehen, in dem sich Männer zu Opfern einer „Genderdebatte“ stilisieren. Es ist also auch ganz klar gegen Frauen und feministische Kämpfe gerichtet. In einer anschließenden Diskussion über dieses Meme verteidigt er dieses damit, dass es ihm darum gehe, „dass jede Form von Extremität (politisch, religiös, etc.) nicht die Antwort sein kann.“ Hinter dieser Floskel verstecken sich immer wieder Anhänger der sog. Pegida-Bewegung, die damit ihre eigenen ideologischen Verbindungen zur extremen Rechten leugnen wollen.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass Jens Redlich sein vereinsinternes Feindbild als „20 bis 30 linke bis Linksextreme“ beschreibt.

Inzwischen konnte durch einen juristischen Coup eine Entmachtung von Jens Redlich und seinen Vasallen erreicht werden. Die Fans haben nun ihren Verein zurück und können auch die rechten Einflüsse wieder verdrängen. Zum Beispiel durch den neuen, alten vereinseigenen Ordnerdienst, der rechte Inhalte, ob verbal oder durch Textilien das Stadiontor zeigt. Beinahe hätte ein Investor das komplette Wertebild eines Vereins zerstören können. Fast hätten blinde Vereinsmitglieder ihre Seele für einen Aufstieg in die Regionalliga verkauft. Politisch scheint nun der Verein gerettet zu sein. Finanziell wird es ein Kraftakt werden, der auch die Unterstützung von außen braucht, damit dieser Verein mit seinem Engagement gegen Neonazis, Antisemitismus und Homophobie weiterhin Bestand hat.

Am Freitag spielt Tennis Borussia Berlin um 19:30 Uhr gegen den FC Strausberg im Berliner Mommsenstadion. Es wird der erste Heimauftritt der Fanszene nach dem Boykott. Egal ob Stehplatz oder Sitzplatz – alle Tickets kosten fünf Euro. Der Verein freut sich über zahlreiche Besucher, die mit den Fans die Rückkehr ins Stadion feiern wollen.

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