Energie Cottbus und seine problematischen Fans

„Achtzehn Jahre Verbot, Verrat, Verleumdung“ – so die ernüchternde Bilanz der Neonazis der Fangruppierung „Inferno Cottbus 99“ (IC 99) in ihrem Auflösungstext. Unrecht haben sie nicht. Immer wieder bekamen sie das sogenannte „Auftritt- und Erscheinungsverbot“, was aber nicht dazu führte, dass sich die Gruppe oder Einzelpersonen zurückzogen. Nun steht ein Umbruch an- die Frage ist aber auch allgemein wie es in Cottbus weitergeht, denn von Gruppen wie „Collettivo Bianco Rosso 2002“ (CBR’02) fühlt man sich trotz inhaltlicher Nähe verraten. Den Gipfel erreichten diese internen Auseinandersetzungen in Bautzen.

IC 99 und seine Neonazis

Banner der Babelsberg-Fans gegen Neonazis des „Inferno Cottbus“ im Jahr 2015 © Sören Kohlhuber

Die Geschichte rund um IC 99 wurde in den letzten Tagen medial stark aufgegriffen. Dabei wurden sie als Mafia-ähnliche Struktur beschrieben, obwohl dies vermutlich unzutreffend ist, vergleicht man diese mit realen Mafia-ähnlichen Fußballstrukturen in Serbien oder Italien.
Der erneute, dieses Mal aber überregionale Druck durch Presseerzeugnisse, war der finale Schlag gegen die „Hooligans“* aus Cottbus. Der Staat und auch der Verein hatten genug Chancen in den vergangenen Jahren repressiv, aber präventiv gegen die Gruppe vorzugehen. Ob die Vermischung mit dem Rockermilieu oder die große Anzahl organisierter Neonazis des „Spreelichter-Netzwerkes“ bei IC 99 – der Staat hätte ohne Probleme alle Mitglieder besuchen, und ähnlich wie in Dortmund ein Verbotsverfahren nach Vereinsgesetz prüfen können. Verbindungen des IC 99 zur Gruppe der „Spreelichter“ sind der Innenbehörde länger bekannt.

Herausragend sind der ehemalige Vorsänger William Puder, der neben anderen Neonazis im Rahmen des Verbotsverfahrens gegen die Kameradschaft „Widerstandsbewegung Südbrandenburg“ mit einer Hausdurchsuchung bedacht wurde. Bis dahin saß er regelmäßig im Sommer mit dem Verein zusammen, um Choreos und Aktionen für die kommende Saison zu besprechen. Der FC Energie Cottbus hatte auch keine Probleme mit Puders Kontakten zur Vereinigung „Firma 18“ in Forst, die offen neonazistisch auftrat. 2011 unterstützten zehn Aktivisten der „Firma 18“ einen NPD-Infostand in Forst, an der Wand des „Jugendklubs“ prangte ein Reichsadler – dieser diente als Anlaufstelle für noch nicht-rechte Jugendliche, also zur Rekrutierung.

*an dieser Stelle stand ein Abschnitt, der leider aufgrund einer Abmahnung gelöscht werden musste*

Doch nicht nur die „alten“ beim Inferno sind ein Problem für Cottbus. Deren 2014 gegründete Nachwuchsbande „Unbequeme Jugend Cottbus“ (UJC) fiel in der Vergangenheit besonders durch Gewalttaten in der Stadt auf. Laut Informationen aus der Cottbuser Fanszene hatte das IC 99 zeitweise die Kontrolle über die „Unbequeme Jugend“ verloren und diese agierten entgegen dem Motto des IC 99 – im Stadtbild besser nicht auffallen.
Im Herbst 2015 war die Spitzenzeit des rassistischen Mobs in Deutschland erreicht. Im Anschluss an eine rassistische Kundgebung in Cottbus jagten zwei junge „Hooligans“ ausländische Studenten über den Cottbusser Campus. Womit die 17- und 18-Jährigen, beide sind als „Gewalttäter Sport bekannt“, nicht rechneten, war die Gegenwehr der Angegriffen. Diese zückten Messer und verletzten die „Hooligans“. Dies war ein Wendepunkt, denn zuvor gab es immer wieder Hetzjagten und Übergriffe durch junge „Hooligans“ in Cottbus. Gezielt ging man auf Studenten, die nicht als deutsch gelesen wurden, zu und griff diese an. Dieser Übergriff wurde der UJC zugeschrieben, ebenso der Überfall auf das linksalternative „Chekov“ unweit des Stadions im September 2016.
Vermummte Personen stürmten das Haus, fanden dort eine Abschlussfeier von Medizinstudenten vor und nicht die erwarteten „Scheißzecken“. Dennoch schlugen sie mindestens einer Frau ins Gesicht, zerstörten teilweise Einrichtungsgegenstände und entfernten sich vom Ort des Geschehens. Ihren Fluchtweg markierten sie mit „Defend Cottbus“ Aufklebern. Die Angreifer entstammten wohl dem ehemaligen Spreelichter-Netzwerk.

CBR’02 – Die Alternative für Cottbus?

Ehemalige CBR-Capo beim Gremium MC Crossrun 2015 © Screenshot Youtube

Der Fokus lag über Jahre immer auf dem IC 99 und seit Neustem auf deren Jugend, der UJC. Das liegt vor allem daran, dass beide Gruppen durch Gewaltaktionen oder dem massiven Einsatz von Pyrotechnik auffallen. Neben Bautzen sei hier an die Aktion in Aue im September 2015 erinnert, als ein Zusammenschluss aus Cottbusern, Chemnitzern, Stuttgartern und polnischen Vertretern von Beskidu Andrychów den Gästeblock enterten und für eine 15-minütige Spielunterbrechung sorgten.
Ruhiger dagegen geht es CBR’02 an. War in der Fankurve früher das IC 99 die einflussreichste Gruppe, so nutzten CBR’02 immer wieder das Vakuum, welches IC 99 aufgrund der Erscheinungs- und Betätigungsverbote erhielt. Zuletzt stand man in der Mitte der Fankurve, um von dort aus die Stimmung zu leiten.
Bereits seit Längerem schwelte in der Cottbusser Fanszene ein Konflikt zwischen IC 99 und CBR 02. Doch das Colletivo wusste vermutlich, dass man den Kickboxern körperlich unterlegen ist. Beim Gastspiel in Bautzen allerdings brach der Konflikt voll aus. In den Berichterstattungen der Medien wird das Bild suggeriert, es hätten sich „normale Fans“ den rechten „Hooligans“ entgegengestellt. Doch Personen aus der Fanszene berichten, dass die Auseinandersetzung vor allem zwischen IC 99 und UJC auf der einen Seite, und dem CBR’02 sowie der dritten Ultragruppe in der Kurve, den „Ultima Raka 2002“ (UR) auf der anderen Seite. Dies dürfte auch der schlussendliche Verrat gewesen sein, den IC 99 in ihrer Auflösungserklärung meinten. Gleichzeitig versuchte man die beiden Gruppen einzuschüchtern. Im Stadtgebiet soll es zu Übergriffen auf vermeintliche UR-Mitglieder gekommen sein, CBR 02-Mitglieder wurden zu Treffen eingeladen, verprügelt und ihnen ein „Hausbesuch“ angedroht.

Doch auch das CBR’02 ist keine unpolitische oder unproblematische Ultragruppe in Cottbus, wie man jetzt suggeriert. Auch hier ist bereits ein ehemaliger Führungskader problematisch, Maik Liersch war eine zeitlang der Vorsänger der Gruppe. 2005 stand er vor Gericht, da er und weitere 20 Neonazis eine antifaschistische Party angegriffen haben – ähnlich wie im September 2016 die vermutlichen UJC-Täter.
Inzwischen ist er so gut wie raus aus der Szene, baut sich eine Karriere als Torwart-Trainer auf, u.a. beim BSV Cottbus-Ost.
Sein Name ist nicht nur ein Beispiel für die Verbindung in die rechte Szene, sondern auch in das Rockermilieu. So war Liersch Gewinner des dritten „Crossruns“ des „Gremium MC Spremberg“ im Jahr 2015. Im Video der Rocker trägt Liersch ein Shirt mit dem Logo des CBR’02. In Spremberg ist die Mischszene aus Neonazis, Hooligans und Rockern seit Jahren offen bekannt. Die Recherchen lokaler Journalisten sorgten für Angriffe auf das Lokalbüro der Lausitzer Rundschau, die Szene ist äußerst stark und aggressiv.

Weitere vermeintlich und reale politische Gruppen in der Fankurve

Aufkleber mit SS-Totenkopf @ Screenshot Facebook-Seite der WK 13 Boys

Auch die Fanfreundschaft von Cottbus nach Chemnitz, besonders zu den Neonazis von New Society Boys“ („NS Boys“) wird gern ausschließlich auf das IC 99 projiziert, wird aber in der Breite gehalten. Auch CBR’02 ist eng mit den Sachsen verbunden. Noch enger sind dies „WK 13 Boys Cottbus“. Benannt ist die Gruppe nach dem „Wohnkomplex 13“ im Stadtteil „Sachsendorf“. Seit der Wende ist dies der Hotspot rechter Rekrutierung und Hegemonie. Eine Vielzahl der neonazistischen Hooligans aus Cottbus soll von hier stammen. Ein neonazistischer Mord 1997 fand ebenfalls im Südcottbuser Stadtteil statt. Den neonazistischen Hintergrund bei den „WK 13 Boys“ kann man auch aufgrund ihrer Spieltags-Kollagen sehen, wenn u.a. ein Aufkleber mit der Aufschrift „Hooligans Energie Cottbus“ und einem SS-Totenkopf zu sehen ist.
Die WK Boys entstanden nach der Auflösung der ersten Jugendgruppe des IC 99 (die „JUIT 93“) und sehen sich nicht als Ultragruppe. Ihrem Auftreten nach, sind sie eher als „Hooligans“ zu begreifen. Auch das IC 99 begreift sich weniger als Ultragruppe.

Aufgrund des ersten Verbots des IC 99 im „Stadion der Freundschaft“ entstand 2002 die Gruppe „Ultima Raka 02“ (UR). Von Anfang an stand UR im Fokus der Neonazis und Hooligans. Rufe wie „UR Antifa“ gegen die kleine Gruppe waren genauso die Regel, wie Übergriffe durch verschiedene rechte Gruppen, ob nun „Eastside Warriors“ oder direkte Einwirkungen durch IC und Co. Auch der Angriff auf das „Chekov“ soll wohl eigentlich einer UR-nahen Gruppe gegolten haben.
Bei „Ultima Raka“ handelt es sich nicht um eine „linke Ultragruppe“, wie es gerne von rechten Cottbus-Fans postuliert wird. Allerdings grenzen sie sich konsequent von „Politik im Stadion“ ab und distanzieren sich daher auch relativ offen von IC 99 und anderen. Gleichzeitig schreiben einige immer wieder von „Ultima Antifa Raka“ und die Gruppe mit dem sorbischen Namen (Raka ist obersorbisch für Krebs, dem Wappentier von Cottbus) ist Anfeindungen ausgesetzt.

Ausblick

Die nächste Zeit dürfte eine Umbruchphase in der Fankurve sein. Bereits eine Woche nach dem Bautzen-Desaster, beim Spitzenspiel gegen den FC Carl Zeiss Jena, war die Heimkurve krass schwach. UR, IC 99 und UJC waren im Block nicht zu sehen, CBR’02 konnte erst nach der Führung des FC Energie Cottbus die Stimmung anheizen. Ob die erneuten Verbote von IC 99 und UJC den Weg für eine diskriminierungsfreie Kurve freimachen, ist auch mehr als fraglich, wenn Gruppen wie „WK 13 Boys“ oder CBR’02 weiterhin neonazistische Propaganda verteilen, mit der rechten Szene in Kontakt stehen oder Freunde, wie die „NS Boys“ aus Chemnitz ins Stadion mitnehmen. Auch hier könnte der Verein viel mehr reagieren, wenn er denn will. Doch die vergangenen 18 Jahre des „Inferno Cottbus“, zeigen, dass er bis auf die Auftritts- und Erscheinungsverbote nichts zu bieten hat. Und selbst diese waren wirkungslos, da das IC 99 einfach mit neuem Transparent oder dem Zahlencode „93“ (neunte und dritte Buchstabe des Alphabets I C) agierte. Das Problem von FC Energie Cottbus ist daher nicht die rechte Fankurve, sondern ein Verein, der schweigt, zuschaut und sich jetzt als Handelnder versucht darzustellen. Doch lange Zeit duldete er die gewaltsuchenden Neonazis, akzeptierte sie als Gesprächspartner und gab ihnen den Raum zur Rekrutierung und Inszenierung.

*Der Begriff „Hooligan“ ist mit Anführungsstrichen gezeichnet, da besonders mit dem Aufkommen des HoGeSa-Phänomen Personen sich als „Hooligans“ sehen, welche vermutlich mit dem Milieu nichts zu tun haben. Die Folge ist, dass eine Einschätzung von Aussen, wer „Hooligan“ ist erschwert wird. Der Begriff ist daher mit Vorsicht zu betrachten, dient hier aber als Abgrenzung zum Begriff der „Ultras“ und teilweise als Fremdbezeichnung für kollektive Gruppen.

Advertisements

2 Antworten zu “Energie Cottbus und seine problematischen Fans

  1. Ein großes Lob und Dankeschön für diesen Text. Diese Infos müssen an die Öffentlichkeit. Verein, Fans und das Innenministerium müssen etwas tun. Energie ist einer Einladung zu einer Sicherheitskonferenz vor dem Babelsberg-Spiel nicht gefolgt. Arte (Re: Fußball radikal) durfte nicht im Stadion der Freundschaft drehen.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s