Eisenach – Neonazis mit Selbstbewusstsein

Am Donnerstagabend versuchten zehn teilweise vermummte Neonazis eine meiner Lesungen anzugreifen. Nur durch ein entschlossenes Handeln der Gäste konnten die Neonazis auf Abstand gehalten werden. Ein Bericht und ein Aufruf.

Was passiert in Eisenach?

Sprüherei in Eisenach © Privat

Läuft man durch Eisenach, dann sieht man die Präsenz der Neonazis an jeder Wand und jedem Schild. Sprühereien wie „Nazikiez“ oder Stencils mit dem Symbol „Hammer und Schwert“ sind im Stadtgebiet zu sehen. Aufkleber mit teils antisemitischen Inhalten sind ebenfalls verbreitet. Die „Nationale Jugend Wartburgkreis/Eisenach“ versucht damit eine Drohkulisse aufzubauen und Eisenach als ihre Stadt zu proklamieren. Ihr Ziel sind die wenigen Antifaschisten in der Stadt und so war ihnen auch meine Lesung im „Jugend- und Wahlkreisbüro RosaLuxx“ ein Dorn im Auge.

Knapp 30 Menschen nahmen an der Lesung teil, als am Ende meines Vorleseparts der Ruf ertönte: „Es geht los. Nazis kommen in einer größeren Gruppe.“ Bereits vor Veranstaltungsbeginn lauerten Neonazis in der Nähe, fotografierten Gäste ab und waren bereits teilweise vermummt. Die engagierten Menschen vor Ort berichteten mir, dass es auch in den vergangenen Jahren immer wieder Angriffe auf linke Jugendliche gab. Meist handelte es sich dabei um „Zufallsbegegnungen“, die Neonazis konnten also immer mal wieder jemanden auf der Straße „wegfangen“. Doch an diesem Abend erreichte die Qualität der Angriffe eine neue Stufe.
Zwei Neonazis, die bereits vorher den Veranstaltungsort observierten, kamen mit Gefolge wieder. Etwa zehn vermummte Personen, teilweise bewaffnet mit Pfefferspray, Schlagstock und Glasflaschen, bauten sich zirka fünf Meter vor dem Eingang zum Wahlkreisbüro auf. In einen realen Angriff gingen sie allerdings nicht über, da ihnen sämtliche Gäste entschlossen gegenüberstanden. No Pasaran – so war die Ansage. Zweimal versuchten sie einen kleinen Vorstoß, doch am Ende zogen sie es vor, sich zurückzuziehen. Dabei sprachen sie die Drohung aus, man würde sich wiedersehen.
Die alarmierten Polizeikräfte suchten den Nahbereich und das Stadtgebiet ab, auffällige Personen entdeckten sie nach ersten Erkenntnissen nicht.

Lügenbaron Wieschke © Screenshot Facebook

Gleichzeitig kam die Stunde des Patrick Wieschke. Der gewalttätige Neonazi und NPD-Stadtrat, der unter anderem seine Mutter und Schwester verprügelt haben soll, wurde offenbar direkt von seiner potentiellen Schlägertruppe informiert. So berichtete er wenige Minuten nach dem Eintreffen der Einsatzkräfte von einem „linksextremen Übergriff“ während der Lesung eines „militanten Linksextremisten“. Laut seiner Darstellung wurde die Situation durch das Eintreffen der Polizeikräfte beruhigt. Dies ist natürlich Quatsch, da die Beamten sonst die Gruppe der Neonazis hätten feststellen hätte. So blieb den ihnen nur die Befragung derjenigen, die an der Veranstaltung teilnahmen.

Die an dem Vorfall beteiligten Neonazis sind nicht unbekannt. Sie selber reagierten in sozialen Netzwerken auf die Aktion und konnten so auch einer konkreten Gruppe zugeordnet werden. Die „Nationale Jugend Wartburgkreis/Eisenach“ besteht aus aktionsorientierten Neonazis, welche sich im Stile der „Autonomen Nationalisten“ kleiden und inhaltlich dem Netzwerk des „Antikapitalistischen Kollektivs“ zugeordnet werden können. Bereits vor einer Woche traten sie in Erfurt-Marbach auf, als Holzkreuze entfernt wurden, mit denen eine rechte Gruppe gegen einen Moscheebau protestierte.

Die Polizei, blind wie eh und je

Zeugenaufruf der Thüringer Polizei © Screenshot Facebook

Bereits im Vorfeld der Veranstaltung war dem Orgakreis klar, dass wenn es zu einem direkten Angriff kommen könnte, dann wohl an diesem Abend. Aus diesem Grund wurden auch Polizeibeamte frühzeitig über den Charakter der Veranstaltung informiert. In anderen Orten, in denen ich bisher gelesen habe, fuhren die örtlichen Polizeikräfte Extrastreifen oder hielten sich in der Nähe des Veranstaltungsortes auf, da die Bedrohung dort als akut wahrgenommen wurde. Dabei war es egal ob Sachsen, Sachsen-Anhalt oder Brandenburg – nur in Thüringen, in Eisenach, nahm man die Bedrohung nicht ernst.
So konnten sich die Neonazis erst in der Nähe der Veranstaltung sammeln, anschließend fast bis zum Eingang des „RosaLuxx“ vordringen und sich anschließend entfernen, um sich so den Ermittlungsbehörden zu entziehen.
Offensichtlich wollte oder konnte nicht jeder der Lesungsgäste eine Aussage bei den Beamten machen. Zu groß ist oft die Angst, dass persönliche Meldedaten auf diesem Wege in der örtlichen Anti-Antifa-Datenbank landen. Dies sorgte für Verstimmung bei den Beamten und man fing bereits an, aus den Betroffenen potentielle Täter zu machen. Auch in den Verlautbarungen am Folgetag versuchte die Polizeibehörde Zweifel an der Darstellung der Bedrohten zu sähen. Obwohl sich Zeugen bereitstellten und sogar Personen aus dem neonazistischen Spektrum namentlich benennen konnten, bezweifelte man bei der Polizei überhaupt die politische Einordnung der Angreifergruppe, da die Augenzeugen die Zuordnung nicht anhand „konkreter Handlung oder Bekleidung festmachen“ konnten. Genau das ist die Absicht hinter der Mimikry-Taktik von „Autonomen Nationalisten“, sie wollen nämlich nicht direkt bei der ersten Sichtung als Neonazis erkannt werden. Dieses inzwischen fünfzehn Jahre alte Phänomen ist bei der Polizei in Westthüringen offenbar noch nicht angekommen. Weiterhin behauptet die Polizei ebenfalls, es gäbe bislang „keine verwertbaren Zeugenaussagen“ und die Neonazis hätten nicht „versucht, in die Räumlichkeiten der Buchlesung einzudringen.“ Dies geschah aber auch nur deshalb nicht, da die Gäste im Rahmen des Selbstschutzes entschlossen handelten.

Solidarität ist eine Waffe

Solidarische Grüße aus Saalfeld nach Angriffsversuch in Eisenach

Die Solidarität mit den Veranstaltern und mir als Referenten war enorm und gab den Menschen in Eisenach bereits in dieser Nacht, wenige Stunden nach dem Bedrohungsszenario, Kraft. Die Handys hörten nicht auf zu vibrieren und zu klingeln. Aus allen Ecken Deutschlands (die Orte aufzuzählen würde den Rahmen sprengen) wurde gefragt, ob es den Menschen vor Ort gut ginge und Solidarität ausgesprochen. Dabei habe nicht ich die Solidarität und die Grüße verdient, sondern eben diejenigen, die in Westthüringen tagtäglich der Bedrohung durch Neonazis ausgesetzt sind. Engagierte aus Eisenach sagten, dass es das erste Mal in zwei Jahren war, dass sich eine Gruppe von Neonazis und Antifaschisten derart gegenüberstanden. Eine Auseinandersetzung hätte für beide Seiten schwere Folgen gehabt.
Die Solidarität darf daher keine Eintagsfliege sein. Ich sitze wieder im kuscheligen Berlin, während die Menschen vor Ort unter der täglichen Bedrohung und Anspannung leben müssen – und wollen. Sie werden nicht einknicken oder wegziehen, sondern wollen den Neonazis die Stirn bieten.

Mein Aufruf daher: Fahrt am 28.04.2017 nach Eisenach. Ab 18 Uhr soll es eine Demonstration von antifaschistischen und zivilgesellschaftlichen Kräften gegen die Neonaziaktivitäten- und Gewalt vor Ort geben. Startpunkt ist der Westbahnhof. Und wenn Ihr mal wieder einen Urlaub plant – warum nicht mit der Bezugsgruppe mal ein paar Tage Eisenach? Die Leute vor Ort freuen sich sicherlich jederzeit über Besuch, Unterstützung und dem Gefühl, nicht alleine zu sein.

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Eine Antwort zu “Eisenach – Neonazis mit Selbstbewusstsein

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