Veranstaltung zu „Fankultur im russischen Fußball“

Der Veranstaltungsraum in der Berliner Schankwirtschaft „Baiz“ ist rappelvoll. Der überwiegende Teil der Besucher ist über 30 und männlich. Geladen hat der Verein „Gesellschaftsspiele“ zu einer Veranstaltung über „Fankultur im russischen Fußball 2015“.

Das Podium ist bunt besetzt. Ivan (Fan von Dinamo Moskau und aktiv in der alternativen DIY-Liga) , Robert Ustian (Gründer von „CSKA-Fans against Racism“), Pavel Klymenko (Football Against Racism in Europe – FARE) und Moderator Jörg Depta teilen sich ein auf dem Tisch liegendes Mikrophon. Im Verlauf der Veranstaltung wird klar, wie verschieden die Charaktere sind, in der Rhetorik und politischen Einschätzungen.

Flyer zur Veranstaltung © Gesellschaftsspiele e.V.

Flyer zur Veranstaltung © Gesellschaftsspiele e.V.

Eingeleitet wird die Veranstaltung von einem Mitglied des Vereins „Gesellschaftsspiele“. Er beschreibt dezent seine Begeisterung für den Fußball in Russland. Die Begeisterung wurde wohl erzeugt, als er im vergangenem Jahr in St. Petersburg war. Borussia Dortmund spielte in der Champions League bei Zenit St. Petersburg. Die Fanszene von St. Petersburg beschreibt der Journalist Olaf Sundermeyer als fast homogen rassistisch. Am Tag des Aufeinandertreffen, so erzählt es Depta, seien Hooligans durch die Straßen gezogen und hätten Menschen auf Russisch angesprochen. Stellte sich raus, dass die Gesprächspartner Deutsche und Borussia Dortmund-Fans sind, wurden sie verprügelt. Mit einem Lächeln auf den Lippen erzählt er von der Begegnung mit einigen „verbeulten Dortmund-Fans“ beim Rückflug. Dies sorgt bei zwei älteren Deutschen für Erheiterung und Jubelstimmung – einer trägt ein Zenit-Shirt. Mir wird gesagt, es handelt sich um eine Tresenkraft der Baiz. Für mich wirkt es befremdlich.
Gleichzeitig wird auf einen speziellen Wodka verwiesen, den es im Anschluss an die Veranstaltung geben soll. Der Gewinn aus dem Verkauf geht an die Frauen- und Mädchen-Abteilung des BFC Türkiyemspor.

Als Moderator wurde Jörg Depta hinzugezogen. Von 2010 bis 2012 wurde er bekannt durch Kopfstoss.fm, einer Online-Radiosendung, welche in freien Radiosendern zu hören war.
Moderator Depta beginnt die Veranstaltung mit einem lockeren Spruch, der bereits erahnen lässt – es wird eine politisch interessante bis fragwürdige Veranstaltung. Sein Team (FC Energie Cottbus) habe am vergangenem Wochenende einen 1:0 Sieg in Dresden bei der SGD eingefahren und dies sei ja fast „gelebter Antifaschismus“ gewesen. Zum „Prussians Welcome“-Banner des rechten Cottbuser Anhangs – kein Wort. Dazu, dass der Verein, Dynamo Dresden, in der Halbzeit-Pause ein Hilfsprojekt für Flüchtling vorstellte – kein Wort. Auch nicht über die Initiative „1953International“, welche bereits seit Jahren aktiv ist. Bei Cottbus ist eine solche Gruppe derzeit noch undenkbar.

Das Podium stellt sich vor

Herausragend ist vermutlich Pavel Klymenko von Fare. Gleich zu Beginn sagt er, sie „wollen nichts schön reden, aber auch nicht verschrecken“. Ziel sei es unter anderem „die Antifaschisten in Russland [zu] unterstützen“, da diese „sehr sehr sehr sehr Wenige“ seien. Ein grundlegendes Problem ist der Rassismus in der russischen Gesellschaft. Dieser teilt sich nicht in der schwarz-/weißen Hautfarbe, sondern wird bestimmt durch Ethnien. In der Schule, so Pavel, lernt man aber dass Rassismus sich nur gegen Schwarze und zum Beispiel nicht gegen Kaukasier richten würde. Daher spricht man eher von Xenophobie oder Nationalismus.

Red Blue Warriors Logo © Screenshot ultrasnotred.blogspot

Red Blue Warriors Logo © Screenshot ultrasnotred.blogspot

Der Rassismus und auch rechte Symboliken in den russischen Stadien dagegen wurde in der Vergangenheit in Fankurven westeuropäischer Stadien kopiert. Ein Beispiel von ihm ist ein Gespräch, welches er mit einem ZSKA-Moskau-Fan führte. Dieser gab an, man sah 1994 bei Espanyol Barcelona Fahnen mit dem Keltenkreuz, fand diese schön und übernahm die Symboliken. Pavel lacht und sagt, er glaubt dieser Argumentation nicht, denn sie rufen ja auch rassistische Schmähungen. Sie sind Rassisten und haben es nicht nur kopiert. Ein Logo der ZSKA-Gruppe „Blue Red Moskau“ ziehrt neben dem Keltenkreuz auch der SS-Totenkopf.

Nun darf sich Robert Ustian vorstellen. Er gründete die Initiative „CSKA-Fans against Rascism“, welche bereits europaweit wahrgenommen wird. Er berichtet von Drohungen gegen ihn und das er unter anderem deswegen auch seine Dauerkarte abgegeben hat. Doch er sagt, es gab halt irgendwann einen „Point of no Return“.
Es handelte sich um ein Spiel im vergangenem Jahr. In der Champions League traf der AS Rom auf den ehemaligen Moskauer Armee-Klub. Neben Ausschreitungen, bei denen Moskauer u.a. mit Messerstichen ins Krankenhaus gebracht wurden, gab es erneut rassistische Rufe der Russen. Die UEFA bestrafte ZSKA hart. Drei Geisterspiele und 200.000 € Strafe.
Doch wer nun in Robert einen emanzipatorischen Kämpfer gegen Rassismus im und ums Stadion herum vermutet wird eines besseren belehrt. Den Rassismus gegen Kaukasier begründet er mit dem Verhalten dieser. Er sei selber Kaukasier und schäme sich für seine Landsleute. Diese „behandeln ihre Frauen wie Prostituierte, schlagen sie und benehmen sich wie zu Hause.“ Gerade die reichen Kaukasier würden sich nicht an Recht und Ordnung halten und zum Beispiel Polizeibeamte bestechen.
Dem widerspricht zum Glück Pavel. Das Verhalten einiger Kaukasier sei nicht der Hauptgrund für Rassismus. Er sieht eher den Staat in der Verantwortung. Dieser tut nichts zur Integration von Nicht-Russen und ließe so Parallelgesellschaften entstehen.
Moderator Depta fasst zusammen, dass auf dem Podium „verschiedene Ansichten was Rassismus“ sei vertreten seien. Das Robert die Opfer zu Täter macht, dass er als Moderator dies verteidigt und somit Rassismus auch verharmlost – einfach weggewischt. Auf geht’s zu Ivan.

Ivan stellt fest: Die russischen Fans werden dämonisiert, dennoch sollte „man die Augen vor den Problemen im Stadion nicht verschließen“. Als Fan von Dinamo Moskau kennt er die Problem durchaus und lebt nicht weltfremd in einer Parallelblase. Auf die Frage von Depta, welcher Klub nach seiner Einschätzung die rechtesten Fans hätte sagt er klar und deutlich, es gibt „kein Problem einzelner Klubs“, sondern es ist ein Problem aller Klubs. Ob erste oder dritte Liga, ob Moskau oder Ural – prozentual findet man überall einen gleichen Anteil an Rassisten und Neonazis. Der Unterschied ist nur, dass z.B. Spartak mehr Fans hat und es da dann mehr auffällt. Auch gibt es derzeit in den oberen Ligen nicht einen Verein, bei dem sich Fans offen antirassistisch oder antifaschistisch äußern. Die Letzten, die das taten waren Fans des Amateurvereins „FC Karelien-Discovery Petrozavodks“. Im August 2010 wurde die kleine Gruppe am Rande eines Pokalspiels von 100 Neonazis, welche dem Erstligisten Zenit St. Petersburg angehören sollen, angegriffen.
Er sieht daher eine Organisierung gegen Rassismus und Faschismus noch kritisch. Dennoch bewertet er Robert’s Schritt mit der Initiative positiv, denn wenn man irgendwann erfolgreich sein will, kann man nicht so klein bleiben, sondern braucht auch die Öffentlichkeit.

Fans des FC Karelien-Discovery Petrozavodks kurz vorm Angriff © Linksunten Indymedia

Fans des FC Karelien-Discovery Petrozavodks kurz vorm Angriff © Linksunten Indymedia

Für den Rassismus macht er nicht die fehlerhafte Integration oder Fehlverhalten einzelner Migranten verantwortlich, sondern die mangelhafte Bildung. Auch Juden und Kaukasier würde schließlich das Keltenkreuz tragen.
Ziel muss es sein, „Fußball für alle Menschen zugänglich zu machen“. Dies sei auch das Ziel der DIY-Liga. Dort würden Antifaschisten, Skinheads, Punks, Ois, usw. gemeinsam Spiele. Derzeit gebe es diese Liga nur in St. Petersburg und Moskau, wobei es Unterschiede gibt. In Moskau muss man einen Platz mieten, in St. Petersburg sei es einfacher an Plätze zu kommen. Neben den beiden Meisterschaften in den Städten gäbe es aber auch Turniere in anderen Orten wie Nischni Nowgorod, Kirov oder den Weißrussischen Städten Brest und Minsk. Näher wird auf die DIY-Liga nicht eingegangen.

Teilweise verwirrende Fragen auf dem Podium und vom Publikum

Eine Frage ans Podium ist, wie Verbände auf Rassismus reagieren. Pavel beschreibt, dass der russische Verband sich langsam an die Strafen von FIFA und UEFA orientiert, aber dennoch inkonsequent handeln würde. Er findet dafür zwei Beispiele. Der Ex-Herthaner Christopher Samba erfuhr als Spieler von Dinamo Moskau immer wieder rassistische Schmährufe. Bei einem Spiel gegen Torpedo Moskau wollte er zur zweiten Halbzeit nicht weiter spielen. Verband und Vereine reagierten nicht auf den Rassismus. Als er den Rassisten den Mittelfinger zeigte, erhielt er eine Sperre für zwei Spiele. Allerdings, wenn sie reagieren, dann unverhältnismäßig. Nach einem Spiel zwischen Spartak Moskau und Arsenal Tula, wurde Spartak wegen einer Keltenkreuz-Fahne verurteilt. Tula indes nicht, obwohl diese ebenfalls eine solche Fahne (sogar eine größere), gehabt hätten.
Robert sieht dagegen besonders die Strafen der UEFA kritisch. Durch diese würden die „Nicht-rechte-Bewegung im Keim erstickt“ werden und die „normalen Fans zu Geiseln der Faschisten“. Diese hätten dann die Macht zu bestimmen, bei welchem Spiel alle ausgeschlossen werden und bei welchem nicht.
Er meint, leicht ins verschwörerische abdriftend, dass der Staat nicht entschlossen genug gegen rechte Fans vorgeht, um nicht vor einer Situation zu stehen wie die Ukraine am Maidan. So bleiben die Fans gewalttätig im Stadion und richten ihren Hass und ihre Wut nicht gegen den Staat auf der Straße. Nebulös vermutete er auch, dass vielleicht sogar der Geheimdienst da seine Finger im Spiel haben könnte. Dennoch hat er die Hoffnung, dass sich alles bessert, da der Rassismus nicht fundiert sein kann, wenn man erst „White Power“ und anderes ruft, anschließend aber einem Schwarzen Spieler zujubelt, wenn dieser ein Tor schießt.
Zur WM 2018 wird nach seiner Einschätzung der Staat alles im Griff haben. Man wird weder Rassismus noch Homophobie in den Stadien hören, da sich der russische Staat dies nicht erlauben kann – ähnlich wie in Sotchi.

Zwischenzeitlich eine Frage aus dem Publikum, ob man als Schwuler Deutscher Angst haben muss, wenn man in Russland Fußball gucken will. Gestellt wird die Frage vom Zenit-Träger. Er hatte zwei Jahre in Russland gelebt und Grund seiner Frage seien homophobe Fangesänge welche „neben dem was Ihr Rassismus nennt“, stattfinden. Mit dem „was ihr Rassismus nennt“ hat er meine volle Aufmerksamkeit bekommen und passt somit optimal zum Moderator.
Die Frage war in dem Moment schon dümmlich, wenn man die Gesetzgebung in Russland in Bezug auf Homosexuelle anschaut und sich vorstellen kann, dass Homosexualität gerade bei faschistischen Fans ein großes Problem darstellt.
Mal fernab davon, ist es auch in deutschen Stadien für bekennende Homosexuelle nicht immer angenehm. Was also will man dann von Stadien in einer Gesellschaft erwarten, welche auf allen Ebenen Homosexualität bekämpfen will?

Aus dem Publikum kommen noch andere Fragen auf, zum Beispiel die Definition von Faschismus und Antifaschismus. Angemerkt wurde, dass durch die Siegermentalität Antifaschismus in Russland offenbar anders definiert wird als zum Beispiel in Zentraleuropa. Ivan stellt fest, dass gerade in Bezug auf die Situation in der Ostukraine der Begriff Faschismus unrichtig und inflationär genutzt wird. Ferner bezeichnet er viele „derjenigen, die sich gegen Faschismus aussprechen“ als Lügner, da diese kurze Zeit später auch kein Problem mit einem Neonazikonzert vorm Kreml in Moskau hätten. Sowohl bei Robert, wie auch bei einem Zuhörer herrscht Unverständnis, wie man gerade als Anhänger des ehemaligen Roten Armee Klubs, ZSKA, sich der faschistischen Ideologie hingeben kann. Aufgelöst werden solche tief politischen Fragen an diesem Abend nicht. Eine Anmerkung auf „Antiextremistische“ bzw. „Antitotalitäre“ Aktivitäten des russischen Staates wird von Moderator Depta als „nicht vorhanden“ weggewischt. Man solle mal Wegkommen von Deutschen Denkmustern, die eben keinen Bezug zu Russland hätten. Ivan sieht das offenbar anders und merkt an, dass es in letzter Zeit weniger zu gezielten Angriffen zwischen Neonazis und Antifaschisten kam, da beide mit Repression des Staates zu kämpfen haben.
Im Nachgespräch begründet Depta seine Aussage damit, dass es z.B. keinen linken Parlamentarismus in Russland gebe und somit auch keine Extremismustheorie a la Dresdner Schule. Das aber dennoch der Kampf „gegen Extremismus“ ein Part der russischen Sicherheitsbehörden ist, lässt sich ebenso wenig leugnen, wie eine Gleichsetzung von Kommunismus und Faschismus in einigen ehemaligen Ostblock-Staaten.

Probleme beim Übersetzen

Dolmetscher sind wie Schiedsrichter. Sind sie unsichtbar, haben sie einen guten Job gemacht. Erinnert man sich aber an sie, dann oftmals im Negativen. Beim Schiedsrichter sind es viele Karten, viele oder spielentscheidende Fehlentscheidungen. Beim Dolmetscher sind es Fehler im Übersetzen.
Auch der Übersetzer auf der dieser Veranstaltung wird einigen in Erinnerung bleiben. Aus dem „Celtic Cross“ macht er das Hakenkreuz, aus einer „soziologischen Frage“ wird dann eine „sozialistische“. Die Arbeit eines Übersetzers ist sicherlich nicht einfach und daher können solche minimalen Verwechslungen stattfinden. Katastrophal sind inhaltliche Fehler, wie der Bericht über eine Fangruppe, welche antirassistische und antifaschistische Banner hatte. In der Übersetzung vom Russischen ins Deutsche machte er daraus „antirussische Fahnen“. Auch legte er zum Beispiel Ivan Worte in den Mund, die er so nicht sagte. Ivan sprach davon, dass Homosexualität allgemein nicht positiv gesehen wird.Der Übersetzer sagte dem deutschen Publikum, dass Ivan Homosexualität nicht positiv sehe.
Es ist klar – bestimmte Worte sind schwer zu übersetzen, einige Worte gibt es nicht 1-zu-1 im Russischen oder Deutschen und dennoch sollte der Inhalt nicht so krass verändert werden. Ich hab an meiner Seite eine Person mit russischen Muttersprach-Kenntnissen, was mir einen Vorteil gegenüber der Mehrheit verschafft.

Fazit

Kneipen-Feeling bei einer Informationsveranstaltung sind wie immer störend. Flaschen fallen alle Naselang um, es ist ein Kommen-und-Gehen, um neue Flaschen zu holen oder den ehemaligen Inhalt der Flaschen aus dem Körper zu lassen. Zwischendurch themen-unabhängige Zwiegespräche – man kommt sich bei der Unruhe zeitweise vor, als säße man in einer Gruppe Grundschüler.

Was nimmt man am Ende einer solchen Veranstaltung mit. Ich habe einen Fehler gemacht. Aufgrund des angekündigten Podiums und der Location geht man eventuell mit einer gewissen Erwartungshaltung in die Veranstaltung. Tiefere Analysen der Fankultur fehlen, Alternativen wie die DIY-Liga werden nur kurz angeschnitten und auch die Frage der Solidarität wird nicht gestellt. Zwar gibt es in Deutschland nach wie vor Stadien, in denen Neonazis das sagen haben, bzw. antirassistische und antifaschistische Fans es schwer haben – doch die rechte Hegemonie der 1980er und 1990er Jahre wurden größtenteils durchbrochen. Wünschenswert wäre dies für Russland ebenfalls.

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