Antisemitischer Alltag im Berliner Fußball

Das erste Heimspiel der dritten Herren-Mannschaft des Berliner Fußball-Teams von TuS Makkabi hatten sich die Spieler wohl anders vorgestellt. Der Auftakt ging 8:2 beim Spandauer SV IV verloren und somit wollte man gegen den BFC Meteor III die ersten drei Punkte ein-fahren. Beim Stand von 1:0 für die Makkabäer wurde das Spiel abgebrochen . Grund waren antisemitische Anfeindungen durch Spieler und Gäste des BFC Meteor. Es folgte eine Schlä-gerei und ein Polizeieinsatz.Recht zügig reagierte der Berliner Fußballverband. Die Weddin-ger-Gäste wurde vom Ligabetrieb ausgeschlossen, zusätzlich mit einer Punktestrafe belegt und der vermeintliche Haupttäter erhielt eine Spielsperre bis 2017, sowie eine Geldstrafe in Höhe von 300,00 Euro.

Bundesweit berichteten Zeitungen und Magazine über den Vorfall. Ein jüdischer Verein wird in Berlin antisemitisch angegangen, seine Mitglieder verletzt. Es kommt der Verdacht oder auch die Hoffnung auf, dies könnte ein Einzelfall sein. Die Mitglieder des 45-jährigen Vereins sehen sich allerdings regelmäßig antisemitischer Angriffe ausgesetzt. Nur wenige und besonders dramatische Fälle werden bundesweit publik. Wie 2012 nach dem Landesliga Du stinkst schon wie ein Jude , soll gegenüber einem Verein gerufen sein, der explizit nicht nur aus Juden besteht, sich aber in der Traditionslinie jüdischer Sportler in Berlin sieht. Die Aussagen wurden noch angefeuert, daReine Zeitung Kontakte des Neuköllner Vereins zu den türkischen Rechtsextremisten der „Grauen Wölfe“ durch Recherche herausfand. Eine Bestätigung gab es ein Jahr später, als mehrere Hürtürkel-Mitglieder aus ihrem Vereinsheim stürmten und eine kurdische Demonstration mit Symbolen der „Grauen Wölfe“ provozierten. Die Liste der antisemitischen Vorfälle bei Spielen des TuS Makkabi lässt sich endlos fortsetzen. 2006 führten antisemitische Rufe zu einem Spielabbruch im Spiel gegen die VSG Altglienicke II. Gegen den Adlershofer BC und die Reinickendorfer Füchse spielte man 2008 trotz Pöbeleien und Hitlergruß bis zum offiziellen Ende. „Mit Beschimpfungen sehen wir uns fast täglich konfrontiert“, sagt Trainer Claudio Offenberg. Am schlimmsten sei es, so der Trainer, für die muslimischen Spieler und deren Anfeindungen aus der eigenen Community.

Hertha-Szene mobilisiert mit antisemitischen Grafitti gegen Babelsberg © Screenshot Instagramm

Die „Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus“ (RIAS) spricht davon, dass sich auch in Fangesängen eine „antisemitische Alltagskommunikation“ offenbaren würde. Diese Aussage trafen sie nach der Oberliga-Partie zwischen Tennis Borussia Berlin und dem FSV Fürstenwalde. Anhänger der Gäste skandierten „Juden-Berlin“-Schlachtrufe, einer ging verbal gegen einen Ordner vor und bezeichnete ihn abwertend als „du Jude“. Bereits vorher erahnten die antifaschistischen Fans von Tennis Borussia Berlin, was eventuell auf sie zukommen könn-te. Der D-Jugendtrainer der Fürstenwalder, Detlef Stamm, war einst Anhänger der Republikaner und sitzt nun als Beisitzer im Verein „Freiheitliche Liga“. Dieser Verein ist der Organi-sator der Abendspaziergänge der „Brandenburger für Meinungsfreiheit und Mitbestimmung“ (Bramm), dem inoffiziellen Pegida-Ableger in Brandenburg. Es war nicht der erste Fall dieses Jahr bei einem Spiel der lila-weißen Nachbarn des TuS Makkabi. Beim Landespokalspiel ge-gen den Kreisligisten BSC Marzahn bezeichnete ein Jugendtrainer der Gäste die Gegner mit „diese Juden“ und korrigierte sich sofort: Dies dürfe man hier ja nicht sagen. Der Präsident der Marzahner gab dazu an, dass „die Angelegenheit Konsequenzen haben [wird], weil ich einfach ein vorbildliches Verhalten erwarte.“ Andere Vereine reagieren gar nicht. Besonders die Berlinliga-Partie zwischen dem TSV Rudow 1888 und Tennis Borussia ist dafür ein Bei-spiel. Obwohl maximal 5-600 Zuschauer zum Sportplatz kamen, wurde es zu einem Sicher-heitsspiel. Viele Beamten mussten organisierte und einschlägig verurteilte Neonazis in den Reihen der Fans vom TSV Rudow von den antifaschistischen Gästen bei Tennis Borussia trennen. Unter den Rudow-Fans befinden sich regelmäßig Funktionäre der NPD und rechte Hooligans von Hertha BSC. Auch Spieler und Spielbetreuer von Tennis Borussia berichteten am Rande eines Gastspiels in Neukölln von antisemitischen Anfeindungen. Den Auswechsel-spielern wurde durch Rudower Fans nahe gelegt, dass „ihr Juden hier nichts zu suchen habt.“ Der Verein reagierte nicht. Auch für ihn sind antisemitische Anfeindungen mittlerweile Alltag.

Antisemitische Sprüherei von Union-Ultras © Privat

Die Abwertung des Gegenüber als „Juden“ ist leider keine Besonderheit. Sprühereien von Fans des 1.FC Union, bei denen der Name des lokalen Rivalen Hertha BSC am Davidstern zu finden ist oder auch von Hertha-Fans welche „Juden SVBBG“ (gemeint ist der Vorort-Klub SV Babelsberg 03) sprühen, zeigen – antisemitische Schmähungen sind ein breites Thema im Berliner Fußballsport.

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