Rechte Straftaten werden belohnt? Das Erste-Mai-Wochenende in Thüringen

Rund um den 1. Mai lud die antifaschistische Szene von Thüringen gemeinsam zum „Antifa Action Weekend“ nach Saalfeld und Erfurt. Eine antifaschistische Vorabenddemo und drei Neonaziaufmärsche standen auf dem Plan. Der 1. Mai von Saalfeld wird noch vielen in Erinnerung bleiben.

Es ist das Bundesland, in dem der selbstverliebter Chef einer Verfassungsschutzbehörde dabei zusah, wie eine Clique von Neonazis zu einer Terrorzelle heranwuchs. Wo staatliche Behörden die Neonaziszene seit den 1990er Jahren finanziell massiv unterstützten und aufbauten. Wo, wenn nicht hier, ist die Forderung „VS abschaffen“ mehr als nur eine rhetorische Floskel. Die Ereignisse rund um die Neonaziaufmärsche am 1. Mai in Saalfeld und am 2. Mai in Erfurt sollen dies bestätigen. Auch unter Rot-Rot unterschätzt die Polizeibehörde Neonazis, lässt sie gewähren und agiert gegen Antifaschisten.

Vorabenddemo in Saalfeld

150 Menschen ziehen am Vorabend durch Saalfeld © Sören Kohlhuber

Es ist 19 Uhr. Regenwolken ziehen vorbei. Nur etwa 30 Personen aus dem antifaschistischen Spektrum stehen am Bahnhof in Saalfeld. Es dauert fast eine Stunde bis ein Lautsprecherwagen in Form eines LKW eintrifft. Es soll der Abschluss einer Mobilisierung sein. Am Folgetag werden mehrere hundert gewaltbereite Neonazis durch die Saalestadt marschieren. Die Stadt mit schönem uhrigem Stadtkern, mit den wunderschönen Feengrotten.
Es sind 150 Antifaschisten, die zu Musik durch die Stadt ziehen. Immer wieder rufen sie dazu auf, am kommenden Tag auf die Straße zu gehen. Sich gegen die einfallenden Neonazis quer zu stellen und nicht wegzusehen. Teilnehmer berichten, dass man es geschafft hatte, aktive Neonazis aus der Stadt heraus zu drängen. Doch seit der Entstehung eines Stützpunktes des „Dritten Weg“ sind wieder verstärkt Neonazis in der Stadt zu sehen.
In der Stadt ist davon nicht viel spürbar. Es hängen viele Plakate gegen den Aufmarsch. Aufkleber und antifaschistische Sprühereien sind allgegenwärtig. Man befindet sich noch im Einzugsgebiet des FC Carl Zeiss Jena, welcher in Teilen eine antirassistische und antifaschistische Fankurve vorzeigen kann.
Man freut sich über einige Auswärtige, welche den Weg an die Saale gefunden haben. „Hi, schön dich mal im Realen zu sehen, soll ich dir den Rucksack abnehmen?“ Hilfsbereitschaft, offene freundliche Art – Provinzantifa ist noch bodenständig.

Musik und bunte Lichter sollen für Aufmerksamkeit sorgen © Sören Kohlhuber

Durch die Stadt werden die Antifaschisten von drei Streifenwagen der lokalen Wache begleitet. Man kennt sich, man scherzt miteinander. Ein einzelner Beamter wippt zur Musik. Man ist guter Dinge. Auch das Wetter verschont die Stadt. Gab es vorher noch eine Unwetterwarnung, so regnet es nur ein wenig auf der Abschlusskundgebung. Diese wird noch einmal für Redebeiträge genutzt. Es geht um die Kritik an Arbeit und um neonazistische Aktivitäten in Bitterfeld. Dort findet am 10. Mai eine antifaschistische Demonstration anlässlich von massiver Neonazigewalt in den vergangenen Monaten statt.
Da bereits am ersten Abend einige auswärtige Unterstützer vor Ort sind, benötigen sie Schlafplätze. Unbürokratisch und herzlich geht es in verschiedene Unterkünfte. „Nimm dir was aus dem Kühlschrank, fühl´ ich wie zu Hause. Hier ist dein Bett.“ In Saalfeld freut man sich über jeden, der gekommen ist. Sie wissen, dass auch in anderen Städten wie Neubrandenburg, Erfurt, Worms und im Ruhrgebiet Neonaziveranstaltungen stattfinden.

Der Dritte Weg überfällt Saalfeld

Antifablock auf der Gegendemo in Saalfeld © Sören Kohlhuber

Der frühe Vogel blockiert den Naziaufmarsch. Bereits um 9 Uhr versammeln sich bis zu 1.000 Gegendemonstranten auf dem Marktplatz, auf der Grünfläche der Albrecht-Dürer-Straße und am Bahnhof. Vom Bahnhof aus soll ein Demonstrationszug gegen den Aufmarsch durch die Stadt führen. Angeführt wird er vom Landrat, den Bürgermeistern verschiedene Orte, darunter Saalfeld. Der Bürgermeister der Stadt beklagt das Bild, was seine Stadt abgibt. Es sei die Region, die vom Aufmarsch betroffen ist, weshalb er sich besonders über die Unterstützung der anderen Bürgermeister freue. Die Redebeiträge ziehen sich in die Länge. Nach den Offiziellen kommen junge Antifaschisten direkt ans Mikrophon. Einer liest seinen Redebeitrag vom iPhone ab, ein anderer oldschool vom Zettel.
Der Demozug setzt sich mit nur wenig Polizeibegeleitung in Bewegung. Es geht über die Saale, durch eines der Stadttore hinein in den historischen Stadtkern. Nach einem kurzen Zwischenstopp macht sich der Block der jungen Antifaschisten auf den Weg in Richtung Demonstrationsroute der Neonazis. Zeitgleich spaltet sich eine Gruppe von 100 Personen ab und besetzt ohne Probleme den südlichen Teil der Neonaziroute.

Thüringer Beamte können eine Blockade nicht verhindern © Sören Kohlhuber

An einem Kreisverkehr nur eine Querstraße von der Neonaziroute entfernt bleibt der größere Teil der Antifaschisten erneut stehen. Es soll eine weitere Kundgebung folgen. Wie bei Gegenprotesten üblich, benötigt es allerdings Dynamik, damit ein Aufmarsch verhindert werden kann. Es ist der Ort erreicht. In der Knochstraße versuchen zehn Beamte der Thüringer Landespolizei eilig mittels einer Kette und der Warnung, Pfefferspray einzusetzen, die Antifaschisten von einem Durchbruch abzuhalten. Mittels blinden „Kopf-durch-die-Wand“ rennen, brechen diese dennoch durch. Die zu geringe Anzahl an Beamten kann immer wieder einzelne festhalten, auch sprühen sie gezielt einzelnen Pfefferspray ins Gesicht, doch es bleibt erfolglos. Ein Vorgesetzter beendet die sinnlose Energieverschwendung. Gemeinsam mit BFE-Beamten aus Sachsen versuchen die Polizisten nun, einen erneuten Durchbruch der Antifaschisten in Richtung Norden zur Auftaktkundgebung der Neonazis zu verhindern. Den Antifaschisten reicht allerdings erst einmal die Besetzung der Reinhardstraße Ecke Knochstraße. Von verschiedenen Richtungen wird personell aufgestockt. Auch die Beamten verstärken sich dezent. Knapp 30 Beamte nehmen Aufstellung. Versteckt hinter einem Plattenbau, warten fünf BFE-Beamte zur Verstärkung. Letztere lugen immer wieder hervor, um die Lage zu checken. Ergebnislos verläuft ein Gespräch zwischen dem Kommunikationsteam der Polizei und den Blockierern. Bei denen gibt es nun eine neue Taktik. Etwa 100 Personen lösen sich von der Kundgebung. Bereits vorher lösten sich immer wieder Aktivisten. Nicht unbeobachtet gibt ein Zugführer der Thüringer Bereitschaftspolizei weiter, dass Antifaschisten sich „in unbekannter Richtung“ begeben würden, allerdings spricht er nicht von dem für die Neonazis reservierten Gebiet.

n einem Wohngebiet gibt es kleinere Auseinanersetzungen zwischen Linken und Polizeikräften © Sören Kohlhuber

Die 100 Antifaschisten sind der sportliche Teil der heute Aktiven. Es geht den Koditzgraben entlang. Der Weg ist so schmal, dass nur zwei Menschen nebeneinander passen. Mal wird gejoggt, mal gegangen. Auch ein Sprung über den Graben ist angedacht. An einer Stelle scheint der Ausbruch günstig um in Richtung der Neonaziroute vorzustoßen. Man wartet bis alle vom Waldweg runter sind. Vermummungen werden angelegt. Die Gruppe betritt die Kircherstraße. Kein Feindkontakt. Geschlossen geht es die Straßen entlang in Richtung Sonnenberger. Doch dort warten schon BFE-Beamte aus Sachsen. Diese lösen sich und machen Jagd auf die Antifaschisten im Wohnviertel. Sie greifen mit Pfefferspray an. Über eine Hecke fliegen Mülltonnen und Gartenstühle. Sie treffen niemanden. BFE-Beamte, die auf einzelne Personen treffen treten diese mehrere Male gegen die Oberschenkel, schlagen oder sprühen mit Pfefferspray, auch wenn es zu keinen Gewalttaten kommt. Es geht ihnen einzig darum, eine abschreckende Wirkung zu entfalten. Unterstützung erhalten sie von einer Gruppe Erfurter BFE-Beamte. Gemeinsam hat man das Wohnviertel geräumt. Die Antifaschisten lauern auf einer Brücke. Beide Seiten verschnaufen nach dem Schlagabtausch. Die BFE-Beamte wirken, als würden sie stark unter Adrenalinschüben leiden. Unter ihnen befindet sich ein Beamter, welcher mit einem Gasgranatwerfer bewaffnet ist. Es ist der erste von vielen an diesem ungewöhnlichen Tag, die man sieht.

Sächsischer BFE-Beamter mit MP5 (rechts) © Sören Kohlhuber

Die ersten 30 Neonazis finden sich an ihrem Treffpunkt ein. Ein Lautsprecherwagen, der auch bei den Märschen des Pegida-Ablegers „Thügida“ verwendet wird, ist bereits aufgebaut. Vereinzelt laufen „Neonaziprominente“ wie Maik Eminger, Matthias Fischer und Thomas Wulff herum. Ebenfalls vor Ort sind Beamte einer Alarmhundertschaft der Bundespolizei aus Bayreuth. Die gemütlichen Herren mit Altherrenbauch und jenseits der 40iger gehen den Tag gemütlich an. Pressevertreter werden kontrolliert und zur Sicherheit abgeklärt, ob diese passive Bewaffnungen wie Helme mit sich führen dürfen. Die Pressevertreter sollen in einen abgesperrten Bereich gehen, in dem sich allerdings auch Neonazis herumtreiben. Diese sprechen Journalisten gezielt an und wollen diese Einschüchtern. Im Umfeld des Antreteplatzes schleichen Neonazis in Kleingruppen umher oder beobachten die Situation aus 10-20 Metern Entfernung. Problemlos verlassen sie ihre Aufmarschstrecke. Weitere 200 Neonazis treffen ein. Diese waren vorher bereits aufgefallen, da sie an einem Angriff auf Punker beteiligt waren, wobei einer schwer verletzt wurde. Dies gelang, da sie unbegleitet durch die Stadt zogen. Die Polizeikräfte am Antreteplatz werden nicht verstärkt. Die alte Garde setzt sich lieber präventiv die Helme auf. Die Pressevertreter, darunter ein Fernsehteam des NDR, beschließen geschlossen, den Ort zu verlassen. Man traut den anwesenden Polizeikräften nicht zu, die Sicherheit der Journalisten zu gewährleisten. Ein 20 Personentross, behangen mit Kameras läuft die freie Pfortenstraßen entlang und biegt in Eichendorffstraße. Langsam gehen sie auf eine Reihe Absperrgitter zu. 20 Meter von ihr entfernt leichte Nervosität bei den dort stationierten Einsatzkräften. Es werden Helme aufgezogen und Unterstützung herangerufen. Nicht auszudenken was passiert wäre, wenn die gewaltbereiten Journalisten mit ihren Kiloschweren Objektiven zum Angriff geblasen hätten.

Am südlichen Ende der Neonazikundgebung stehen Neonazis aus Bamberg und Brandenburg. Vereinzelt sitzen BFE-Beamte auf dem Boden. Den Großteil der Betreuung des Aufmarsches machen die Beamten aus Bayreuth. Bei einer Demonstrantin gibt es Probleme. Sie trägt Stahlkappenschuhe. Sie darf dennoch mitlaufen, nach dem sie am Lautsprecherwagen der Neonazis die Schuhe ausgetauscht hat.

Schwarzer Block der Neonazis. Bildmitte mit Glate und Sonnenbrille der Tannrodaer Michael Fischer © Sören Kohlhuber

Der Marsch beginnt nach weiteren Redebeiträgen. Bis zur Ecke Reinhardstraße ist es ein gewöhnlicher Aufmarsch. 700 Teilnehmer unterteilt in drei Blöcke. Vorne mit roten Shirts, Fahnen und Transparente der Organisatoren – der Dritte Weg. Dahinter der Lautsprecherwagen. Diesem folgt ein sogenannter „Nationalsozialistischer BlackBlock“, dem Pendant zum traditionell linken schwarzen Block. Ein Fronttransparent und die ersten Transparente sind von der Gruppe der „Freien Nationalisten Hessen“. Die erste Reihe bildet u.a. der Thüringer Michael Fischer aus Tannroda. Der Block ist flankiert von bis zu sieben Transparenten an jeder Seite. In ihm finden sich ehemalige NPD-Kandidaten und Funktionäre wie den Berliner Kai Schuster oder der Brandenburger Franz Poppendieck. Letzterer begleitet Neonazis aus Nordwest-Brandenburg am Transparent des „Tag der deutschen Zukunft“, dem Großaufmarsch am 06.06.2015 in Neuruppin.

Beim Abbiegen fliegt eine volle Plastikflasche aus diesen Reihen auf einen Journalisten und trifft ihn am Kopf. Er wird allerdings nicht verletzt. Die Polizeikräfte identifizieren den Angreifer – ein Zugriff bleibt aus vermutlich einsatztaktischen Gründen aus. Neonazis, mit selbst ausgedruckten Presseausweise laufen außerhalb der Demonstration. Gezielt fotografieren sie mit hochwertigen Kameras und Objektiven sowie Handys anwesende Gegendemonstranten und Journalisten ab. Besonders der verurteilte Anti-Antifa-Aktivist Michael Reinhardt aus Fürth tat sich als penetrant hervor.

Eine Tränengasgranate explodiert in Mitten der Neonazis © Sören Kohlhuber

In der Reinhardstraße ist Schluss für die Neonazis. Am Ende stehen einige wenige hundert Gegendemonstranten, abgeschirmt von Polizeifahrzeugen, Absperrgittern und einer Handvoll Einsatzkräfte. In der Nähe stehen hinter einer Mauer unaufgeregt zwei Wasserwerfer aus Hessen. Aufgeregt dagegen sind die Neonazis. Sie dulden keinen Stopp. Der „BlackBlock“ tritt aus der Demo heraus und versucht, diese links in geschlossener Formation zu überholen. Sofort ziehen die Einsatzkräfte einige BFE-Beamte hinzu. Die Neonazis inklusive des Lautsprecherwagens machen kehrt. Kurze Nervosität, es geht hin und her. Plötzlich ein lauter Knall. Ein Böller gibt den Startschuss. Die Neonazis aus dem Block greifen gezielt die zu wenigen Polizeikräfte mittels Flaschen, Steinen und Pyrotechnik an. Direkt am Aufmarsch befinden sich keine 200 Beamte, und dies bei einem Aufgebot von 700 Neonazis, unter denen mindestens 300 die Gewalt suchen. Um die Menge auseinanderzutreiben und vorerst kampfunfähig zu machen, bleibt nur ein Mittel: Mutmaßlich sächsische Einsatzkräfte greifen wie schon bei Protesten in Leipzig (Legida) und Frankfurt/Main (EZB-Blockade) zum Gasgranatwerfer. Ein Knall, eine dichte bläuliche Wolke und schon rennen die Neonazis in sämtliche Richtungen. Einige Beamte in Zivil und Journalisten fliehen vor den anrennenden Neonazis. Es dauert eine Weile bis das Tränengas komplett verzogen ist und die Ordnung wieder hergestellt ist. Sämtliche Neonazis kommen straffrei weg, auch nach den Attacken auf die Beamten. Stattdessen und weil ihre Route blockiert ist, bekommen sie eine Ausweichroute, am Rande der Altstadt vorbei zum Bahnhof. Die Polizei hofft mit ihren wenigen Einsatzkräften so schnell wie möglich und ohne weitere größere Personenschäden, die Neonazis aus der Stadt zu beschaffen. Dennoch eskaliert die Lage immer wieder. An mindestens zwei weiteren Stellen setzen sie massiv Pfefferspray gegen Neonazis ein, welche aus der Demonstration ausbrechen wollen. Auf der Autobahn rollen noch vereinzelt Unterstützungkräfte gen Saalfeld. Doch da ist der Drops bereits gelutscht.

Sächsischer BFE-Beamter mit Granatwerfer (rechts) © Sören Kohlhuber

Die Neonazis bekamen von der Bayreuther Polizei, welche die Betreuung und offensichtlich Einsatzleitung inne hatte, eine Superausweichroute als Belohnung für einen Gewaltexzess. Die Einsatzkräfte müssen diesen vorausgesehen haben. Sie waren bewaffnet mit Maschinenpistolen, mehreren Magazinen für diese Waffe, mit mehreren Granatwerfern und ein Beamter trug einen Granatgurt quer über den Oberkörper als wäre er Rambo.

Im Vorfeld war bekannt, dass die Polizeiführung in Thüringen entschieden hatte, auf die Städte Erfurt und Saalfeld je 400 Einsatzkräfte zu verlegen. Szenekenner sprachen sich dagegen aus. Es war klar, dass der gewaltbereite Mob und die bundesweit größte Demonstration in Saalfeld stattfinden sollte. Am 05.05.2015 gab die Einsatzführung bekannt, dass fast 1.000 Beamte in Saalfeld eingesetzt worden sein sollen. Beobachter stellten allerdings maximal vier Hundertschaften fest, welche vor Ort sichtbar waren. Je einmal BFE mit sächsischen und thüringer Landeswappen, die Bundespolizei aus Bayreuth, welche die einzige Einheit war, die direkt am Neonaziaufmarsch dran lief, und eine Bundespolizeieinheit aus Bad Düben, welche den Bahnhof absicherte und sonst nicht in der Stadt zu sehen war.

Die Einsatzleitung in der Erfurter Polizeibehörde hat in der Analyse zum Neonaziaufmarsch komplett versagt. Es waren deutlich zu wenig Einsatzkräfte, sowohl in der Stadt, als auch am Aufmarsch selber. Statt sich auf Neonazis zu konzentrieren, die gezielt gegen Menschen vorgingen, engagierten sich die BFE-Beamten gegen den vermeintlich einfacheren Feind – Antifaschisten, die versuchten, eine Blockade zu initiieren.


Erfurt / Weimar – der 1. Mai und zwei verschiedene Bilder

Während in Saalfeld die Neonazis vom Dritten Weg wilde Sau spielen, versucht ihnen das Jungvolk der NPD, die Jungen Nationaldemokraten, die Spitzenposition in den Medien streitig zu machen. In Weimar stören bis zu 40 Aktivisten, darunter JN-Bundesvorstandsmitglied und Brandenburger JN-Landeschef Pierre Dornbrach, der sächsische JN-Landeschef Paul Rzehaczek, der NPD-Gemeindevertreter in Halbe und Liedermacher Marc Michalski sowie weitere Aktivisten aus Brandenburg, Sachsen und Hessen eine DGB-Kundgebung. Dabei kommt es auch zu Handgreiflichkeiten. Der Großteil der Neonazis wird in einem Parkhaus gestellt. Der flüchtige Teil soll sich auf den Weg nach Erfurt gemacht haben.

Dort findet eine zentrale Demonstration des desolaten NPD-Landesverbandes Thüringen statt. Ohne größere Probleme können etwa 120 Neonazis durch die Landeshauptstadt laufen. An Gegenprotesten nehmen ähnlich viele Personen teil. Die offiziell 650 Beamten haben einen ruhigen Tag im Gegensatz zu ihren Kollegen in Saalfeld.

Gemeinsam Stark in Erfurt – der 2. Mai

Ein Tag nach Saalfeld – haben die Einsatzkräfte aus dem Desaster gelernt? Im Vorfeld gab es die Information, dass 500 Beamte am Dom und nur 200 Beamte am Hauptbahnhof stationiert werden sollen. Bis zu 500 Hooligans sollten vom Bahnhof zum Dom. Wie diese dorthin gelangen sollen, war ein Mysterium. Dabei handelt es sich um eine Abspaltung der bekannten „HoGeSa“-Gruppe. Diese nennt sich „Gemeinsam Stark Deutschland“ kurz: GSD.

BFE-Beamte stürmen Straßenbahn nach Wurf einer Flasche © Sören Kohlhuber

Bereits um 11:15 Uhr, drei Stunden vor dem Beginn der Neonazidemonstration treffen die ersten Neonazis am Hauptbahnhof ein. Es sind Michael Fischer aus Tannroda, sein Vater und weitere Kameraden. Nach einem versuchten Angriff auf einen Journalisten, werden sie in eine Straßenbahn gesetzt und fahren in ein Plattenbauwohnviertel. Dort treffen sie auf weitere Neonazis zum „Frühshoppen“ in einem Neonazizentrum. Im Klartext tranken sie sich Mut an.

Auch die ersten „Berserker“ aus Pforzheim treffen am Bahnhof ein. Die Bundespolizei aus Bad Düben ist mit einem Maximalaufgebot von 40-50 Beamten unterstützt von einzelnen BFE-Beamten aus Erfurt vor Ort. Antifaschisten versammeln sich vor dem Ausgang, als eine Straßenbahn vorfährt, die zur Hälfte mit den Neonazis um Fischer besetzt ist. Sie sehen eine schwarz gekleidete Person und attackieren sie mit einer Flasche aus der Straßenbahn heraus. Anwesende BFE-Beamte sehen das ebenfalls. Zwei von ihnen stürmen in die Bahn, liefern sich eine kurze Schlägerei und verlassen anschließend ohne Ergebnis die Bahn. Stattdessen wendete man sich wie schon in Saalfeld den einfacheren Gegnern zu: Antifaschisten die Parolen rufen.

BFE-Beamte stürmen eine Sitzblockade. Sekundenlang sind die Beine der rechten Person unter der Tram © Sören Kohlhuber

Die Bahn indes schließt die Tür und kann losfahren. Kontaktbeamte, die angesprochen werden, ob dies ein normales Verhalten in Thüringen sei, gewalttätige Neonazis straffrei davonkommen zu lassen geben sich überrascht. Es sind dieselben Beamten, die schon am Tag zuvor in Saalfeld zum Einsatz kamen und es sind dieselben Neonazis, die wieder straffrei davonkommen. Sie verweisen auf Polizeiaktivitäten an der Bahn. Was aussieht, als würde nun eine Identitätsfeststellung stattfinden entpuppt sich als Räumung einer linken Sitzblockade vor der Bahn. Die Gegendemonstranten werden wenige Zentimeter neben der Bahn fixiert. Die Bahn rollt an. Plötzlich streckt eine am Boden liegende Person ihre Beine. Bis zu den Knien liegt sie unter der Bahn, welche im Schritttempo fährt. Nur knapp vor den Rädern zieht sie die Beine wieder ein. Ein Schock für die wenigen Augenzeugen. Die Bahn ist vorbei und von verschiedenen Orten strömen nun Menschen auf die Straße. Die BFE-Beamten versuchen eine Blockade zu verhindern, scheitern allerdings. Der vermeintlich einfache Weg, die Neonazis und Hooligans per Straßenbahn durch die Stadt fahren zu lassen, ist gescheitert. Also gibt es einen neuen Plan.

Etwa 40 Hooligans aus Berlin, Norddeutschland, Pforzheim und Sachsen werden als große Gruppe über den Parkplatz der Bundespolizei zu Fuß im Wanderkessel und ohne Kontakt zu Gegendemonstranten an ihren Kundgebungsort geführt.

Angemeldet waren dort 500 Teilnehmer, doch es bleibt überschaubar. Etwa 200 aus dem gesamten Bundesgebiet haben sich eingefunden. Darunter Pegida-Anhänger, Hooligans, Aktivisten der „Europäischen Aktion“ und der Berliner NPD-Landeschef Sebastian Schmidtke mit seiner neuer Freundin.

Anfangs noch im verbalen Schlagabtausch und Niveaulimbo mit anwesenden Antifaschisten, lauschen sie zunehmend den internationalen Rednern und der Musik eines Liedermachers, ehe sich der Zug durch die Straßen in Richtung Theaterplatz begibt.

Hooligan wird von Ei getroffen © Sören Kohlhuber

Dort warten mehrere hundert Antifaschisten abgeschirmt durch Einsatzfahrzeuge auf die Nazihools. Per Polizeifunk kommt die Warnung, dass einzelne Personen unter den Linken sich vermummt und Steine aufgehoben hätten. Doch offenbar waren es keine Steine. Ein Böller ist zu hören, ansonsten fliegen Eier durch die Luft und treffen auch den ein oder anderen Hooligan, der sofort ausrastet und zum Gegenangriff übergehen will. Doch der Ordnerdienst und die Polizeikräfte passen auf.

Uhrzeitvergleich BFE und Hooligan © Sören Kohlhuber

Ohne weitere Störung und im Wanderkessel der BFE geht es wieder auf den Domplatz. Doch dann stellt die Polizei fest, sie muss die Demonstranten irgendwie auch wieder aus der Stadt herausbekommen. Also geht es als nicht angemeldete Versammlung, aber als faktisch geschlossener Demonstrationszug wieder zurück zum Hauptbahnhof. Nur an einer Stelle gibt es Kontakt mit wenigen Gegendemonstranten. Die Hooligans rufen Parolen und erzürnen die Demonstrationsleitung aus Bayreuth. Wie Tags zuvor werden die Demonstranten wie kleine Kinder, anstatt wie gewaltbereite Neonazis behandelt. Es folgen Ansagen wie „das finde ich jetzt nicht nett von euch“, „unterlasst die Fangesänge, hier sind Kinder“ bis hin zu väterlichen „ich möchte mich nicht nochmal wiederholen“. Doch es ist den Hooligans egal, sie wissen dass ihr Verhalten frei von Konsequenzen bleibt.

Die Aufmärsche in Thüringen sorgen für die Erhöhung des Selbstbewusstseins von Neonazis. Zwei Mal kommen sie straffrei davon. Zwei Mal bekommen sie nach Aufmärschen und trotz Straftaten einen Demonstrationszug durch die Stadt zum Bahnhof als Belohnung. Es ist das Land, in dem der NSU entstand. In dem Sicherheitsbehörden immer wieder wegsahen bei rechten Aktivitäten oder sie unterstützten. Das erste Maiwochenende hatte den Geschmack des alten Miefs trotz neuer Regierung.

Fotos der Vorabenddemo in Saalfeld, rund um den Neonaziaufmarsch in Saalfeld und den Marsch der Hooligans in Erfurt.

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