Hüben „Jude Slavia“-Rufe, drüben Affenlaute – das Prager Stadtderby

Das 183. Derby zwischen Sparta Prag und Slavia Prag ist auch für viele Deutsche Fußballfans aus der Groundhopperszene ein Pilgerort. Nur vier Stunden von Berlin entfernt, aber auf den Tribünen scheinen Welten zwischen beiden Städten zu liegen.
Mehr als 100 Deutsche sollen vor Ort gewesen sein, darunter auch unser Autor Sören Kohlhuber.

Vor dem Spiel

Die sportliche Ausgangssituation verspricht nichts Gutes. Slavia Prag kämpft gegen den Abstieg, Sparta um die Meisterschaft. Slavia verlor die letzten vier Derbys und ihnen gelang in dabei bei den letzten drei nicht einmal ein Tor. Dass sie in Letna einen Sieg erbeuten konnten liegt ebenfalls schon sieben Jahre zurück.
Bis eine Woche vor dem Spiel sind nur etwa die Hälfte der Gästetickets verkauft und von einem Fanmarsch ist auch noch nichts zu hören. Sollen viele Groundhopper eine normale Ligapartie sehen müssen? Mitnichten.

Das Spiel

Slavia-Block mit Pyroshow © Sören Kohlhuber

Slavia setzt bereits nach vier Minuten mehr als ein Ausrufezeichen. Ausgerechnet im mit 19000 Zuschauern gut gefülltem Rund flackern die ersten Bengalischen Lichter im Slavia Block auf. Direkt hinter dem Tor im Oberrang pure Extase.
Doch das war es auch schon mit Slavia. Nur wenige Angriffe kommen von ihnen, man setzt verstärkt auf Konter, während Sparta das Spiel allmählich übernimmt, ohne aber so übermächtig zu wirken, wie man es vorher erwartet hat.
Die zweite Hälfte ist die Hälfte von Sparta. Slavia wirkt verängstigt und will um jeden Preis das 0:1 halten, ohne sich mit einer blinden Offensivaktion das 1:1 durch einen Konter einfangen zu müssen. Sparta kann nach 20 Minuten eine schlecht herausgestolperte Chance dann doch nutzen. Starstürmer Lafata sorgt für die Wende.

Der Jubel nach dem 2:1 in der 89.Minute © Sören Kohlhuber

Sparta drückte weiter und belohnt sich durch ein Tor in der 89. Minute zum 2:1 Siegtreffer. In einem Derby kann grundlegend ein Siegtor immer fallen – doch zu so einem späten Zeitpunkt, das bricht einfach alle Dämme. Sportlich also alles beim Alten.

Das Drumherum

Bitte um Einstellung der Pyroshows © Sören Kohlhuber

Zum Prager Derby gehört das bengalische Licht, wie auch diskriminierende Äußerungen. Auf der Anzeigentafel erscheint mehrmals die Bitte auf Beides zu verzichten. Auch eine Strafe von 10 Millionen Tschechischer Kronen wegen solcher Vorkommnisse wird erneut erwähnt.

Sobald man bereits vor dem Spiel in die Nähe des Stadions die Straßen durchläuft, bis zum Ende des Spiels gehört es allerdings zum Guten Ton ein kräftiges „Jude Slavia“ von sich zu geben, so wie andere sich ein „Hi“ zur Begrüßung zuwerfen. Auch auf die Bitten auf der Anzeigentafel reagiert der Mob sofort mit antisemitischen Hasstiraden.
Während man bei Sparta eher auf Schlachtrufe und wenig Melodie setzt (das brachialste sind „Sparta“ und „Jude Slavia“ Rufe), ist der Slavia-Mob durchgehend am Klatschen, Singen und Springen.
Dennoch – für mich – überschattet die Rechtslastigkeit der Fans das Derby.

Jude-Slavie-Sticker im Sparta-Stadion © Sören Kohlhuber

Auch die Aufkleber und Kleidung der Spartafans zeigt dies deutlich. „No way for gay“ prangt am Laternenpfahl und die aktuelle Collection aus dem Hause Thor Steinar ist ebenso anzutreffen wie Shirts der neonazistischen Hardcore-Band Moshpit aus Deutschland oder dem Reichsadler als Aufklebermotiv. Es ist kein Wunder, dass unter Groundhoppern aus Deutschland, sich auch Neonazis befunden haben sollen. So kann der Deutsche Michel gemeinsam mit Jugendmannschaften von Sparta den Gegner gepflegt als „Jude“ bezeichnen ohne sich rechtfertigen zu müssen oder schlecht zu fühlen. So geschehen in einer Ecke des Stadions, wo auffällig viele Deutsche und Holländische Groundhopper ihren Platz gefunden hatten.

Inzwischen stört der Antisemitismus die Fans von Slavia nicht mehr. Das „Jude Slavia“ intoniert erst der Sparta-Supportblock, dann die normalen Fans und zum Schluss auch der Gästeblock. Dieser ist allerdings kein diskriminierungsfreier Raum, sondern reagiert mit Affenlaute, sobald die Sparta-spieler Tiemoko Konate von der Elfenbeinküste oder Costa Nhamoinesu aus Simbabwe den Ball berühren.

Fanmarsch der Slavia Prag-Fans © Sören Kohlhuber

Interessanterweise gibt es weder im noch um dem Stadion herum keine Randale. Der Fanmarsch durchläuft einen Straßentunnel, vereinzelt sind laute Böller zu hören, doch als die rund 1.000 Slavia-Fans an einigen vermummten Sparta-Fans vorbeiläuft passiert nichts. Anders als in Deutschland ist die Polizei nicht mit einem Überdimensionierten Aufgebot am Fanmarsch dran. Vielleicht sind es 300 Beamte, darunter einige Polizeireiter und aus der Luft beobachtet ein Hubschrauber die Lage – mehr ist nicht zusehen. Selbst Zivilbeamte, so unauffällig wie in Deutschland mit ihren VW-Bussen, sind nur wenige zu sehen. Mehr war nicht sichtbar. Ein solches Aufgebot bei einer solchen Brisanz und Zuschauerzahl ist in Deutschland unvorstellbar. Auch im Stadion sind keine Polizeikräfte sichtbar und maximal 20 Ordner im und am Gästeblock anwesend. Die Vorkontrollen kann man als solche nicht betrachten. Abtasten nur an den Hosentaschen, ganze Umhängetaschen werden durchgelassen. Kein Wunder also, dass auf den Rängen allerhand an Pyrotechnik abgebrannt wird. Während allerdings Slavia das Zeug im eigenen Block entsorgt, lassen die Spartiaten ihre Materialien gern aus dem Ober- in den Unterrang fallen. So ist aus der Entfernung zu sehen, wie eine Fackel einen Spartafan am Kopf trifft. Neben den Pyroshows hüben und drüben sich auf den Oberrang konzentrieren wird auch im Sparta-Unterrang gezündelt. Hier sind es vor allem erbeutete Slavia-Kleidungsstücke. 1-2 Trikots, einige Schals – ebenfalls nichts im Vergleich zu irgendwelchen Gastspielen zum Beispiel bei Dynamo Dresden. erden die brennenden Kleidungsstücke Anfangs noch von Feuerwehrmännern gelöscht stellen sie im Laufe des Spiels ihre Aktivitäten ein – Sisyphos lässt grüßen.

Sparta-Block mit Pyro © Sören Kohlhuber

Auch Choreographien und Spruchbänder sind im Spartablock zu sehen. Bei einer Spruchbandaktion samt Pyrotechnik fängt ein Teil des Spruchbandes feuer. Die Flammen gehen sofort auf ein darunterliegendes Kurvenbanner mit der Aufschrift „Hooligans“ über. Ob es in Mitleidenschaft gezogen wurde ist unbekannt, da es recht zügig eingepackt wird.

Zügig einpacken brauchen die Slavia-Fans nach der knappen Niederlage nicht. Wie in Deutschland immer wieder üblich gibt es erst einmal eine Blocksperre, um den Abtransport sicher zu stellen. So können sie noch eines der günstigen Alkfreien Biere (umgerechnet unter 2 Euro) oder eine der Stadienwürste essen (ebenfalls unter 2 Euro). Ob es im Anschluss an der Partie noch Vorfälle gab ist unbekannt.

Ende

Solch offenen und massenhaften diskriminierende Äußerungen von den Rängen und Pyroshows sind in Deutschland undenkbar und dezent schockierend. Der wahre Schock setzt aber erst ein, wenn man sich nach 90 Minuten besonders an den Antisemitismus der Spartafans gewöhnt. Man kommt schnell zur Schlussfolgerung, dass sei Derby-Folklore und entpolitisiert es. Doch einen Gegnerischen Fan, ein Team oder Spieler als Juden zu „verunglimpfen“ ist durch und durch politisch. Dass bereits Kinder solche Rufe mitmachen, zeigt auch wie es mit der Gesellschaft in einem Ort aussieht. Das Stadion ist der Querschnitt einer Gesellschaft – auch beim Prager Derby.

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