BFE mit neuem Rock’n’Roll bei Rogida-Aufmarsch in Rostock

Während Neonazis teilweise vermummt und mit Quarzsandhandschuhen ausgestattet durch die Südstadt der Hansestadt Rostock marschieren konnten, griffen die Polizeikräfte aus Mecklenburg-Vorpommern bei antifaschistischen Gegendemonstranten hart durch. Angriffe mit Pfefferspray, Schlagstöcken und brutale Festnahmen überraschten viele Anwesenden. Ein Bericht vom Tag und den Ereignissen.


Rostock für alle © Sören Kohlhuber

14 Uhr in der Rostocker Innenstadt. Vor dem Kröpeliner Tor ist eine Bühne aufgebaut. Es nieselt leicht, ist bewölkt und windet ein wenig. Typisches Küstenwetter. Die Veranstalter an der Bühne hoffen, dass sie mehr als 1.000 Menschen auf die Straße bringen können. Hintergrund ist der erste Aufmarsch von MVGIDA (einem Ableger der Pegida) in Rostock. Vorherige Aufmärsche in Stralsund und Schwerin konnten die Neonazis ohne größere Probleme durchführen. Die Organisatoren aus der rechten Szene erwarten um die 300 Teilnehmer. Am Ende des Tages werden beide Seiten ihre Erwartungen verfehlen.

Antifaschistische Demonstration durch Rostock © Sören Kohlhuber

Langsam füllt sich der Platz vor dem Kröpeliner Tor. Besonders aus dem alternativen Viertel, der Kröpeliner-Tor-Vorstadt (KTV), kommen junge Antifaschisten. Eigentlich wollen gegen 14:30 Uhr viele hundert Menschen in einem Demonstrationszug in Richtung Bahnhof ziehen. Doch Reden und Aufstellen kosten Zeit. Mit fast einer halben Stunde Verspätung machen sich die 4-500 Menschen auf den Weg. Mit geringer polizeilicher Begleitung erreichen sie den Goetheplatz, bleiben stehen und lassen so eine erste Blockade entstehen. Das Ziel der Neonazis, durch die Innenstadt ziehen zu können wurde so verhindert.

Eine zweite Blockade soll auf dem Südring entstehen. Dazu fanden sich 50 Demonstranten zu einer Fahrraddemo zusammen. Eine Blockade konnte nicht entstehen, es waren zu wenig und sie konnten nur eine Straßenseite blockieren.

Zeitgleich fanden sich etwa 200 Anhänger der MVGIDA am Südausgang des Hauptbahnhofs ein. Einsetzender starker Regen sorgte für deren Flucht unter Dächer und in das Bahnhofsgebäude. Anwesende Polizeibeamte können noch keine Auskunft geben, ob die Neonazis noch laufen oder ob sie nur eine stationäre Kundgebung abhalten werden. Es machen Gerüchte die Runde, dass ihr Ziel nun die Südstadt von Rostock sein könnte.

BFE-Beamter mit Teleskopschlagstock © Sören Kohlhuber

Der Regen hört auf, die Sonne kommt raus und die Hebebühne, welche den Neonazis als Rednerpult dient, wird aufgebaut. Die wirren Reden werden von Applaus oder „Ahu“-Rufen unterbrochen. Die Ankündigung der Veranstalter, man würde nun zu einer kleinen Runde starten verdichten die Gerüchte, dass es in Richtung Südstadt geht. Angekommen am Südring, biegt der Aufmarsch unter „Nieder mit der roten Pest“-Rufen in Richtung Südstadt ab.

Am Rande tauchen die ersten Vermummten Gegendemonstranten auf. Sie versuchen sich vor den Aufmarsch zu bringen. Doch die Beweis- und Festnahmeeinheit (BFE), welche heute mit Teleskopschlagstöcken bewaffnet ist, hält sie immer wieder auf Abstand. Vereinzelt fliegen Eier und Böller. Ein Beamter steht auf einer Brücke und schlägt immer wieder mit seinem Teleskopschlagstock gegen das Eisengeländer und murmelt dabei „kommt doch endlich, kommt ran“. Es ist deutlich spürbar, dass der Testosteronhaushalt bei einigen der Beamten zu hoch für einen solchen Einsatz ist.

Während etliche Neonazis verbotene Quarzsandhandschuhe tragen oder Vermummung angelegt haben (selbst der Anmelder vermummte sich), macht die BFE Jagd auf linke Gegendemonstranten. Immer wieder werden Schlagstöcke und auch Pfefferspray eingesetzt. Dabei macht die Polizei keine Festnahmen – ihr geht es nur darum die linken Gegendemonstranten auf Abstand zu halten.

Neonazis mit verbotenen Protektoren-Handschuhen © Sören Kohlhuber

Während die Neonazis durch Felder und Industrie marschieren, machen sich mehrere hundert Antifaschisten auf zum Bahnhof. Von der Südseite aus kommend wollen sie den Neonazis entgegen laufen. Es kommt zu kleineren Auseinandersetzungen mit der Polizei. Mehrere Mülltonnen werden durch Gegendemonstranten auf die Straße verbracht, mindestens eine angezündet. Ein Gegendemonstrant provoziert einen Beamten, er solle sich doch mal ohne Pfefferspray trauen zu kämpfen. Der Beamte steckt das Pfefferspray weg und fordert den Demonstranten zum Kampf auf. Dieser erwidert, der Beamte habe ja noch seinen Schlagstock. Auch diesen steckt der Beamte weg und fordert erneut ein männliches Duell. Das Ende dieses peinlichen Gehabes gibt es durch den Befehl, die Menge in Richtung Bahnhof zu jagen. Dies machen die Beamten in dem sie koordiniert losrennen und mit den Schlagstöcken schwingen. Die Masse rennt weg, verteidigt sich mit vereinzelten Würfen von Steinen, Flaschen, Eiern und Böller. Ein Beamter resümiert: „Früher hatten die auch mal mehr drauf.“ Zeitgleich wird ein Einsatzfahrzeug Opfer von einem Eierbombardement. Es klingt wie Steinschlag, doch es waren nur Eier, die auf Windschutzscheibe und der Außenverkleidung nun herunterlaufen.

Vor dem Bahnhof beruhigt sich nun die Situation. Währen die Neonazis mittels eines Tricks zum Nordeingang geführt werden, ziehen Beamte der BFE eine Kette auf.

Anmelder Enrico Naumann vermummt vor Demospitze © Hans Schlechtenberg

Die Kette besteht aus mehreren Greiftrupps. Auf lauten Befehl eines Polizeiführers bewegt sich die Kette langsam in Richtung der Gegendemonstranten. Ob die Funktechnik ausgefallen ist oder die BFE-Kräfte eine neue Taktik probierten ist nicht bekannt. Die Befehle des Chefs erfolgen ausschließlich laut und ohne Funk. „Störer identifizieren und auf meinen Befehl verbringen“ bellt er. Die Beamten bewegen sich schneller. „Los“ hallt es und wie von Bienen gestochen springen die Beamten wild umher und greifen mehrere Personen. Reißen sie zu Boden, schlagen auf sie ein um sie festzunehmen. Umstehende Personen werden mit Schlagstöcken angegriffen und zum Teil meterweit verfolgt. Journalisten, die das harte Eingreifen kritisieren, kommen ebenfalls ins Visier der Beamten. Erneut fliegen Eier und Böller, dann beruhigt sich die Situation.

BFE-Beamte greifen südlich vom Hauptbahnhof Gegendemonstranten an © Sören Kohlhuber

Am Rande dieser Auseinandersetzung finden sich auch Neonazis ein. Sie bejubelten die Angriffe der Polizeibeamten. Dabei zeigte mindestens eine Person, neben den Beamten stehend den Hitlergruß – ohne Konsequenz.

Für die antifaschistische Szene in Mecklenburg-Vorpommern endet der Tag ernüchternd. Sie konnten zwar den Aufmarsch nicht verhindern, aber einen Marsch durch die Innenstadt. Zeitgleich zeigte sich erneut, wie bereits bei vergangenen MVGIDA-Märschen, dass Vermummungsverbot und Bewaffnung auf Demonstrationen nicht für rechte Aufmärsche gelten. So endete der Tage mit keinen juristischen Konsequenzen auf Seiten der Neonazis – bei den Gegendemonstranten gab es mindestens drei Festnahmen.

Fotos vom Tag: Sören Kohlhuber ; Hans Schlechtenberg ; Sonar-Archiv

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