MVgida auf dem absteigenden Ast

Nur noch etwa 300 Personen folgten einem Aufruf der „MVgida“ (Mecklenburg-Vorpommern gegen die Islamisierung des Abendlandes), einem inoffiziellen Ableger der Dresdner Pegida-Bewegung. Etwa 150 meist junge Antifaschisten aus dem gesamten Bundesland versuchten an mehreren Stellen den Aufmarsch aufzuhalten oder Protest zu äußern.

Auch ein sozialdemokratischer Schneemann positioniert sich gegen MVgida © Sören Kohlhuber

Schnee, Eis, Minusgrade – so begrüßt Petrus die Menschen am Sund im hohen Norden. Im Plattenbaugebiet der Hansestadt Stralsund fand der fünfte Aufmarsch am vierten Montag der „MVgida“ statt. Der Beginn eines Pegida-Ablegers machte eine Gruppe mit dem Namen „Rogida“ (Rostocker gegen die Islamisierung des Abendlandes). Zum Nikolaus-Tag Ende letzten Jahres nahmen mehr als 300 Menschen an einer Antirassismusdemonstration in Güstrow (südlich von Rostock) teil. Rogida mobilisierte zu einer Gegendemonstration, an der 70 teilweise angetrunkene Neonazis teilnahmen. Im Anschluß an das Güstrow-Desaster entstand „MVgida“ und bewarb Demonstrationen in Stralsund und Schwerin. In Rostock dagegen wurde ein Versuch abgeblasen. Inzwischen gab es einen Strategiewechsel. Nun will man abwechselnd noch bis Mai in Schwerin und Stralsund aufmarschieren.

Überschattet wurden die Aufmärsche von einer überforderten Polizei. In Stralsund überrannten Neonazis eine Blockade und griffen Gegendemonstranten an. In Schwerin behinderten Teilnehmer der MVgida anwesende Journalisten. Der NDR reagierte in Stralsund und entsendete mit dem Kamerateam zwei Securitys. Die Rechten konnten zeitweise bis zu 700 Personen mobilisieren, überwiegender Teil waren Neonazis, besonders aus dem völkischen Spektrum der ehemaligen HDJ.

Neonazigrößen wie Sebastian Richter (JN Bundesvorstand), Thomas Wulff (NPD Chef Hamburg) und der gesamte Funktionärsstab der NPD Mecklenburg-Vorpommern gaben sich die Klinke in die Hand. Auch die Anmelder waren lokalen Szenekennern nicht unbekannt.

Neonazi mit auf Versammlungen verbotenen Quarzsandhandschuhen © Sören Kohlhuber

Teilweise waren die Neonazis mit Quarzsandhandschuhe bewaffnet – Vermummung zählte zum Normalzustand. Beides wurde wie auch bei vergleichbaren Aufmärschen aktuell, weder durch Polizeikräfte unterbunden, noch hatte dies repressive Folgen. Eine Seitenbegleitung für die aggressiven Demonstranten durch Beamte folgte nicht.

In Stralsund änderten sich zumindest letztere Aktivitäten der Polizei. Alle zwei Meter mindestens ein Beamter. Diese hatten Einiges zu tun. Immer wieder versuchten aggressive Ordner aus dem Neonazispektrum Journalisten aus der Demonstration heraus anzugreifen. Zu Beginn des Aufmarsches flogen außerdem Schneebälle.

Russland- und Deutschlandfahnen in Stralsund © Sören Kohlhuber

Mit Russland-, Deutschland- und Stralsundfahnen zogen die Teilnehmer durch das Plattenbaugebiet von Stralsund. In Reden und Sprechchören forderten sie den Austritt aus der NATO und der EU, keine weiteren Asylbewerberheime in Deutschland und sprachen sich gegen Rüstungsexporte aus. Bekannte Neonazis aus Rostock, welche sonst gegen die Bundesrepublik Deutschland agitieren liefen hier mit Schwarz-Rot-Goldenem Banner durch die Straßen. Am Rande kam es auch zu Wortgefechten mit Gegendemonstranten, wobei eine Person „ab mit dir nach Ausschwitz“ gesagt haben soll. Auch wurden vereinzelt Hitlergrüße in der Menge gesehen.

Gegendemonstranten versuchten immer wieder zum Aufmarsch durchzubrechen © Sören Kohlhuber

Die Gegendemonstranten hatten verschiedene Mahnwachen als Anlaufpunkte. Bei den Gegendemonstranten waren die Beamten gründlicher mit Kontrollen beschäftigt als bei den Neonazis. So mussten einige Gegendemonstranten bei Minusgraden und Schneefall ihre Oberteile bis auf ein dünnes Unterhemd ausziehen. Bei einem Gegendemonstrant mit einem geschienten Arm, wollten Beamte die Schiene genauer untersuchen und zerren am geschienten Arm.

Bei dem Versuch von etwa 30-40 Gegendemonstranten durch eine Polizeikette von 5-10 Beamten durchzubrechen setzte ein Beamter den Schlagstock ein. Verletzt wurde niemand, Festnahmen waren ebenfalls nicht zu sehen.

Ein junger MVgida-Teilnehmer wird am Bahnhof kurz nach einem Angriffsversuch kurzzeitig in Gewahrsam genommen © Sören Kohlhuber

Am Bahnhof kam es nach dem Aufmarsch zu einer kleineren Auseinandersetzung zwischen den abströmenden Gruppen. Eine Gruppe von etwa sechs jungen Neonazis provozierte im Bahnhofsgebäude eine kleinere Gruppe Gegendemonstranten. Die Polizeikräfte gingen dazwischen und verwarnten die Neonazis. Diese liefen nun über die Gleise zurück auf die Straße vor dem Bahnhofseingang. Dort gingen sie bedrohend auf zwei vermeintliche Gegendemonstranten zu. Hektik und ein kurzes Handgemenge endete mit einem Polizeieinsatz, bei dem einer der Neonazis kurzzeitig in Gewahrsam genommen wurde.

Ein älterer Stralsunder Einwohner äußerte am Rande des Aufmarsches Unverständnis für diesen. Er sprach davon, dass die Neonazis immer stärker werden, dennoch fand er es positiv, dass Menschen sich wehren und auf die Straße gehen, um den Neonazis nicht diese zu überlassen. Antifaschisten monierten eher, dass es zu wenig Menschen seien, die sich bewegen. Das Problem der Gegenmobilisierung ist dabei kein Phänomen, bei dem Mecklenburg-Vorpommern alleine da steht. Auch an anderen Orten ist eine abnehmende Zahl von Gegendemonstranten festzustellen.

Weitere Fotos aus Stralsund von Sören Kohlhuber und Hans Schlechtenberg.

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